Warum blindes Vertrauen in Wirtschaftsverbände kein unternehmerisches Argument ist
Zur Orientierung: Die Rahmenverträge betreffen nicht nur die Märkte, sondern die ganze Schweiz. Wer heute definiert, was wirtschaftlich «alternativlos» sei, beeinflusst direkt, wie viel politische Gestaltung diesem Land noch bleibt. Dieser Text ist ein Kompass für alle, die verstehen wollen, warum ökonomische Wunschzettel keine demokratischen Wegweiser sind – und warum gerade jetzt genauer hingeschaut werden muss.
Wenn ein Dachverband der Wirtschaft ein europapolitisches Vertragspaket als «klar vorteilhafteste Option» bezeichnet, klingt das vertraut. Zu vertraut. Die Argumente folgen einem bekannten Skript: Marktzugang, Rechtssicherheit, Wettbewerbsfähigkeit, Planbarkeit. Begriffe, die in der Schweizer Wirtschaftspolitik seit Jahrzehnten als rhetorischer Goldstandard gelten. Doch Wiederholung ersetzt keine Analyse.
Der amerikanische Ökonom Milton Friedman warnte bereits: «Einer der grössten Fehler besteht darin, politische Massnahmen nach ihren Absichten statt nach ihren Ergebnissen zu beurteilen.» Genau hier liegt das Problem. Die Absichten der Wirtschaftsverbände sind nachvollziehbar. Die Frage ist, ob ihre Bewertungen den heutigen wirtschaftlichen Realitäten noch gerecht werden.
Denn die Schweizer Wirtschaft ist längst heterogener, fragiler und systemischer verflochten als zur Zeit der Bilateralen I. Energiepreise, Netzstabilität, Raumknappheit, Akzeptanzprobleme, Fachkräftemangel und regulatorische Komplexität sind keine Randthemen mehr. Sie entscheiden über Investitionen, Standorte und Wettbewerbsfähigkeit. In vielen Stellungnahmen grosser Verbände tauchen diese Faktoren jedoch nur am Rand auf, oft als spätere Vollzugsfrage.
Ökonomen wie Friedrich August von Hayek erinnerten daran, dass Wissen immer fragmentiert ist und zentrale Instanzen dazu neigen, Komplexität zu unterschätzen. «Die eigentliche Aufgabe der Ökonomie besteht darin, den Menschen zu zeigen, wie wenig sie über das wissen, was sie zu gestalten glauben», schrieb Hayek. Genau diese Illusion schleicht sich ein, wenn komplexe Abkommen mit dem Hinweis auf «schlanke Umsetzung» und «verkraftbare Konzessionen» politisch beruhigt werden. Schlank für wen. Verkraftbar für wen. Und über welchen Zeithorizont.
Ein weiteres Problem liegt in der Struktur der Wirtschaftsverbände selbst. Sie sind Dachorganisationen. Ihre internen Mehrheiten entstehen dort, wo grosse, international exponierte Akteure dominieren. Das ist kein Vorwurf, sondern ein institutioneller Befund. Wer stark exportiert, hat andere Prioritäten als wer lokal produziert, baut, transportiert oder Energie verbraucht. Wenn dann dieselbe Position als Stimme «der Wirtschaft» ausgegeben wird, entsteht eine Verkürzung, die für viele Unternehmer spürbar ist.
Dass diese Spannung real ist, zeigt sich nicht in Pamphleten, sondern in Taten. Mehrere Branchenverbände und Unternehmen haben sich in den letzten Jahren bewusst von zentralen Dachverbänden gelöst oder ihre Rolle reduziert. Nicht aus ideologischen Gründen, sondern weil sie ihre Interessen direkter vertreten wollten. Das ist ein Signal. Kein Aufstand, aber ein Rückzug aus automatischer Gefolgschaft.
Der britische Ökonom John Maynard Keynes formulierte es zugespitzt: «Wenn sich die Fakten ändern, ändere ich meine Meinung. Was tun Sie?» Die Fakten haben sich geändert. Die europapolitische Umgebung ist eine andere als in den 1990er-Jahren. Energie ist ein Engpassfaktor geworden und KI wird den Energiekonsum der Zukunft noch um ein mehrfaches steigern. Infrastruktur ist nicht beliebig skalierbar. Politische Akzeptanz ist kein Selbstläufer mehr. Wer unter diesen Bedingungen weiter argumentiert wie vor zwanzig Jahren, verwaltet die Vergangenheit.
Hinzu kommt ein systematisches Risiko. Viele der versprochenen Vorteile grosser Abkommen sind kurzfristig. Viele der Kosten sind diffus, zeitverzögert und werden auf Gemeinden, Haushalte oder nachgelagerte Systeme verschoben. Wenn Systemkosten nicht sauber erfasst werden, tauchen sie auch in den Entscheidungsmodellen nicht auf.
Für Unternehmer ergibt sich daraus eine einfache, aber unbequeme Konsequenz. Die Position eines Wirtschaftsverbandes ist kein Ersatz für die eigene Beurteilung. Sie kann ein Input sein, aber kein Schluss. Wer investiert, haftet nicht mit Stellungnahmen, sondern mit Kapital, Reputation und Arbeitsplätzen. Unternehmerische Verantwortung beginnt dort, wo man auch die eigenen Interessenvertreter kritisch hinterfragt.
Das bedeutet nicht, jedes Abkommen abzulehnen. Es bedeutet, die Argumente zu trennen. Marktzugang ist ein Wert. Rechtssicherheit ebenfalls. Aber sie sind keine Freipässe für systemische Blindstellen. Wenn Wirtschaftsverbände vor allem Stabilität versprechen, sollte man fragen, wessen Stabilität gemeint ist. Und zu welchem Preis.
Blindes Vertrauen ist kein unternehmerisches Prinzip. Skepsis ist kein Verrat. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass wirtschaftliche Vernunft mehr bleibt als eine gut geübte Erzählung.
quellenangaben
- Eidgenössisches Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) – Paket Schweiz–EU Offizielle Übersichtsseite zu den Bilateralen III mit Faktenblättern, Studien und politischer Einordnung.
- Bundesverwaltungsexterne Mitglieder des Sounding Boards Schweiz–EU (PDF) Offizielle Liste der beigezogenen Akteure als empirischer Beleg für die Logik politischer Risikoabsicherung.
- SRF – Dachverband verliert Autos, Erdoel und Swiss Retail Bericht über Austritte von Branchenverbaenden und Unternehmen aus dem Dachverband der Wirtschaft.
- ee-news.ch – Alpiq tritt aus dem Dachverband der Wirtschaft aus Bericht über den Austritt von Alpiq als weiteres Beispiel für die wachsende Distanz einzelner Akteure zur Dachverbandslogik.



