Das Echo des Wachstums



Drei Leitmedien erzählen von derselben Entwicklung, aber in drei völlig unterschiedlichen Sprachen: Markt, Verwaltung und öffentliche Deutung.

Zur Orientierung: Ende Januar veröffentlicht der Bund neue Zuwanderungszahlen. Was folgt, ist kein Erkenntnisgewinn, sondern ein Deutungslauf. Blick, Tages-Anzeiger und NZZ reagieren nahezu zeitgleich auf dieselben Zahlen – und erzählen drei völlig verschiedene Geschichten. Diese Gleichzeitigkeit ist kein Zufall. Sie ist Symptom. Nicht eines Zahlenproblems, sondern eines Orientierungsverlusts.

Die Schweiz wächst weiter. Darüber sind sich alle einig. Uneinig ist man sich darüber, was dieses Wachstum bedeutet. Drei aktuelle Beiträge illustrieren die Bruchlinien der Debatte exemplarisch. Der Blick inszeniert den Markt. Der Tages-Anzeiger beruhigt mit Verwaltungssprache. Die NZZ spricht von Realitätsverweigerung. Alle drei arbeiten mit Zahlen. Keiner von ihnen mit einem tragfähigen Gesamtbild.

Blick und Moneypark – Alarm mit Geschäftsmodell

Der Blick titelt zugespitzt: «Heute begehrt, morgen wertlos? In diesen zehn Kantonen verlieren Immobilien besonders stark an Wert». Im Text heisst es weiter, eine neue Studie zeige, dass der Immobilienmarkt in zehn Kantonen besonders stark abkühlen werde. Als Haupttreiber nennt der Blick unter Berufung auf Moneypark ein tiefes Bevölkerungswachstum sowie eine geringe Zuwanderung. Ein zitierter Experte spricht in diesem Zusammenhang von möglichen «dramatischen Preisreduktionen».

Die Darstellung legt den Schwerpunkt nicht auf die Herleitung der Prognose, sondern auf mögliche Konsequenzen für Eigentümer. Der Fokus liegt stark auf einem einzigen Faktor, der Altersstruktur der Bevölkerung. Aus dieser Beobachtung wird eine Prognose abgeleitet, diese als Warnung formuliert und direkt mit Überlegungen zu Kauf oder Verkauf von Immobilien verknüpft.

Eine solche Sichtweise lässt andere wichtige Einflussfaktoren ausser Acht. Immobilienmärkte funktionieren lokal und sehr unterschiedlich. Aspekte wie Mikrolagen, das knappe Angebot, raumplanerische Vorgaben, Umnutzungsmöglichkeiten, die Nachfrage von Investoren oder politische Rahmenbedingungen werden kaum berücksichtigt. Ganze Kantone erscheinen als einheitliche Risikoräume, obwohl die tatsächlichen Marktverhältnisse stark variieren.

Für eine sachliche Einordnung ist auch der Kontext der Analyse relevant. Moneypark ist ein Hypothekenvermittler und kein unabhängiges Forschungsinstitut. Entsprechend handelt es sich um eine marktorientierte Einschätzung aus einer bestimmten Perspektive. Sie kann Denkanstösse liefern, ersetzt aber keine umfassende Analyse des Immobilienmarktes.

Tages-Anzeiger – Beruhigung durch Statistik

Der Tages-Anzeiger berichtet über dieselben demografischen Grundlagen und kommt zu einem völlig anderen Tonfall. «Die Zuwanderung ist 2025 zurückgegangen», heisst es unter Verweis auf das Staatssekretariat für Migration. Die Nettozuwanderung liege zehn Prozent tiefer als im Vorjahr, auch die Asylgesuche seien rückläufig.

Die Zahlen stimmen. Aber die Gewichtung ist problematisch. Denn im selben Text steht, dass die ständige ausländische Wohnbevölkerung um rund 75’000 Personen gewachsen ist. Dazu kommen Asylmigration und Schutzstatus S. Unter dem Strich wächst die Schweiz weiterhin um über 100’000 Menschen pro Jahr.

Der Tages-Anzeiger berichtet korrekt, aber er ordnet defensiv ein. Die Verwaltungsperspektive dominiert. Rückgänge werden betont, das Niveau relativiert. Die strukturellen Folgen bleiben unerwähnt. Wohnungsmarkt, Raumverbrauch, Infrastruktur, Schulen, Gemeinden tauchen nicht auf. Wachstum wird als Zahl behandelt, nicht als Belastungssystem.

So entsteht der Eindruck von Entspannung, wo faktisch Kontinuität herrscht. Es ist keine Täuschung, sondern eine Verengung der Perspektive. Verwaltungssprache ersetzt gesellschaftliche Analyse.

NZZ – Realitätssinn mit scharfer Klinge

Die NZZ wählt den Gegenpol. Sie rechnet die Zahlen bewusst absolut und schreibt, die Schweiz wachse «jährlich um eine grosse Stadt». Sie kritisiert die Kommunikation der Behörden als realitätsfern und spricht von einem politisch-medialen Unwillen, die Probleme beim Namen zu nennen.

Der Text ist ein Kommentar und will genau das. Zuspitzen. Polarisieren. Druck erzeugen. Die NZZ trifft einen wahren Kern, wenn sie darauf hinweist, dass die Bevölkerung dieses Wachstum zunehmend nicht mehr mitträgt und dass gesellschaftliche Akzeptanz eine harte Grenze darstellt.

Doch auch hier wird verkürzt. Kriminalität, Integration, Schule und Migration werden zu eng miteinander verknüpft und teilweise pauschal dargestellt. Wichtige Unterschiede nach Altersstruktur, Geschlecht, Aufenthaltsstatus oder regionaler Verteilung bleiben unberücksichtigt. Statt differenzierter Analyse wird die gesellschaftliche Wahrnehmung selbst zum Beleg gemacht.

Die NZZ benennt ein reales Spannungsfeld, ersetzt aber Systemanalyse durch Zuspitzung. Sie beschreibt das Symptom präzise, aber nicht die Ursache.

Was alle drei gemeinsam übersehen

Blick, Tages-Anzeiger und NZZ widersprechen sich im Ton, nicht im Befund. Die Schweiz wächst weiter. Und genau hier liegt der blinde Fleck. Keiner der drei Texte stellt die zentrale Frage: Was kann dieses Land räumlich, sozial und ökologisch dauerhaft tragen?

Der Markt beklagt den Wertverlust. Die Verwaltung spricht von Entspannung. Die Gesellschaft reagiert mit Ablehnung. Doch Wachstum ist kein Marktproblem, kein Kommunikationsproblem und kein Stimmungsproblem. Es ist ein Tragfähigkeitsproblem.

Raum ist nicht vermehrbar. Siedlungsfläche ist irreversibel und Infrastruktur wächst langsamer als die Bevölkerung. Diese systemischen Grenzen tauchen in keinem der drei Texte ernsthaft auf. Migration wird isoliert betrachtet, statt in Raumordnung, Bodenpolitik und langfristige Kosten eingebettet.

Fazit

Die vom Blick publizierte Moneypark-Studie ist kein Erkenntnisbeitrag, sondern eine marktorientierte Einschätzung aus einer spezifischen Perspektive. Der Tages-Anzeiger verwaltet Zahlen, ohne ihre Wirkung zu thematisieren. Die NZZ benennt die gesellschaftliche Spannung, ohne sie systemisch aufzulösen.

ecologie suisse zieht daraus eine andere Schlussfolgerung. Nicht die jährliche Nettozuwanderung entscheidet über die Zukunft dieses Landes, sondern die Fähigkeit, Bevölkerungsentwicklung, Raumordnung und Tragfähigkeit zusammenzudenken.

Solange diese Verbindung fehlt, reden Markt, Verwaltung und Medien aneinander vorbei. Und die Schweiz wächst weiter, ohne zu wissen, wohin.

Quellenangaben