Die stille Lebensader der Schweiz und warum der Bund die Zahlen schönt
Fruchtfolgeflächen! Das klingt nach einem nüchternen Begriff aus der Verwaltung, nach Karten, Parzellen und Tabellen. In Wahrheit aber geht es um nichts Geringeres als die Lebensversicherung der Schweiz. Kartoffeln, Getreide, Raps und Zuckerrüben wachsen auf diesen Böden, die zu den besten des Landes zählen. Sie sind unser Garant, dass in einer Krise nicht nur Brot auf dem Tisch steht, sondern auch die Versorgung mit Kalorien gesichert bleibt.
Der Bund weiss um die strategische Bedeutung dieser Böden. Darum hat er sie, ähnlich wie den Wald, gesetzlich geschützt. Seit 1992 gilt: Jede überbaute Fruchtfolgefläche muss kompensiert werden. LVG (Landesversorgungsgesetzes) Art. 30 schreibt klar: «Der Bund sorgt, insbesondere durch raumplanerische Massnahmen, für die Erhaltung von genügend geeignetem Kulturland, insbesondere von Fruchtfolgeflächen, damit in Zeiten einer schweren Mangellage die ausreichende Versorgungsbasis des Landes gewährleistet werden kann.»
Das klingt gut. Doch wie so oft liegt die Tücke im Detail.
Der Trick mit den Zahlen
Im Sachplan Fruchtfolgeflächen ist seit 2010 ein Mindestumfang von 438’460 Hektaren festgelegt. Diese Fläche, so die Berechnung, reicht aus, um die Bevölkerung mit 2340 Kilokalorien pro Tag zu versorgen. Allerdings für eine Bevölkerung von 8,14 Millionen Menschen. Und genau da beginnt die statistische Verzerrung: Diese Zahl stammt aus dem Jahr 2013.
Die Realität im Jahr 2023? 8,82 Millionen Menschen lebten in der Schweiz, inzwischen sogar gegen 9,1 Millionen. Mit anderen Worten: Rund eine Million Menschen sind in der Versorgungsplanung des Bundes gar nicht berücksichtigt. Und trotzdem meldet die Verwaltung stolz, dass die Schweiz mit ihren 445’680 Hektaren FFF sogar über dem Soll liegt, nämlich plus 1,6 Prozent! Eine statistische Finesse, die die wahre Schieflage kaschiert
Warum diese Zahlenspiele? Die Antwort ist einfach und zugleich hochpolitisch.
1. Politische Entlastung: Würde man mit den aktuellen Bevölkerungszahlen rechnen, müsste der Bund mehr Kulturland sichern, als real verfügbar ist. Das gäbe sofort ein politisches Beben.
2. Planungssicherheit für die Kantone: Höhere Sollwerte würden bedeuten, dass Kantone Bauzonen zurücknehmen und zusätzliche Flächen sichern müssten. Ein politisches Himmelfahrtskommando.
3. Wirtschaftlicher Druck: Bauwirtschaft, Economiesuisse und Investoren wollen Raum für Wohnungen und Infrastruktur. Wer hier ehrlich über Versorgungslücken spricht, legt sich mit mächtigen Gegnern an.
4. Kommunikative Ruhe: «Wir liegen über dem Soll» klingt beruhigend. «Wir haben eine Million Menschen zu wenig eingerechnet» würde Panik und Debatten auslösen.
Der Bund rechnet nicht aus Unwissen, sondern zur politischen Absicherung. Doch in einer echten Mangellage greift solche Zahlenakrobatik zu kurz.
Beton & Asphalt statt Getreide & Brot
Das Problem verschärft sich dadurch, dass 70 Prozent der besten Böden in Städten und Agglomerationen liegen. Dort, wo die Bautätigkeit am heftigsten wütet, verschwindet täglich die Fläche von acht Fussballfeldern unter Beton. Jeder dieser Verluste ist irreversibel. Einmal überbaut, ist der Boden für die Ernährungssicherheit für immer verloren. Zudem ist die Fläche versiegelt und kann kein CO₂ mehr binden und das Wasser nicht mehr aufnehmen – was die Gefahr von Überschwemmungen erhöht, die Grundwasservorräte schmälert und die lokale Erwärmung durch Hitzeinseln verstärkt. (Siehe Artikel Bodenlos? Wie die Schweiz ihre Ackerflächen verliert – und mit ihnen einen stillen CO₂-Speicher)
Besonders gravierend ist, dass Industrie- und Gewerbezonen fast immer auf flachem, gut zugänglichem Ackerland entstehen. Auf Hanglagen oder in Hügelregionen lassen sich nur selten Fabriken, Logistikzentren oder Lagerhallen realisieren. Zu steil, zu teuer, zu unpraktisch! So trifft es fast zwangsläufig die besten Böden des Mittellandes. Ein Blick auf die vielen neuen Logistik- und Lagerhäuser entlang der A1 im Mittelland, von Oensingen über Lenzburg bis Frauenfeld, zeigt diese Entwicklung deutlich.
Das Argument, das in solchen Fällen meist bemüht wird, lautet: «Wenn’s die braucht, dann braucht’s die halt, es hängen ja Arbeitsplätze dran.» Doch mit jedem neu versiegelten Hektar geht unwiederbringlich wertvolles Kulturland verloren, das für die Ernährungssicherheit des Landes entscheidend wäre. Die Bauern wissen, was das bedeutet: Sie müssen auf immer weniger Land für immer mehr Menschen produzieren. Währenddessen wächst die Bevölkerung, und mit ihr der Druck. Der Konflikt zwischen Siedlungsentwicklung und Ernährungssicherheit ist programmiert.
Ausblick, oder die Illusion der Reserve
Der Bund verspricht, die nächste Statistik 2027 vorzulegen. Dann wird sich zeigen, ob er bereit ist, die Bevölkerungsrealität anzuerkennen – oder weiter schönt. Klar ist: Die Schweiz kann keine Fruchtfolgeflächen importieren. Boden ist endlich, und die Natur lässt sich nicht überlisten.
Die entscheidende Frage lautet also: Wollen wir weiterhin an der Illusion festhalten, «alles sei im grünen Bereich»? Oder sind wir bereit, uns ehrlich der Tatsache zu stellen, dass die Lebensader der Schweiz dünner wird – und irgendwann zu reissen droht?
Die stille Lebensader der Schweiz – in Zahlen
Fruchtfolgeflächen (FFF) sichern Kalorien im Krisenfall. Die Grafik zeigt Mindestumfang, aktuellen Bestand und den rechnerischen Bedarf bei heutiger Bevölkerung – sowie die räumliche Verteilung der FFF.
FFF‑Bilanz (Hektaren)
Vergleich zwischen offiziellem Soll (2013), aktuellem Bestand und rechnerischem Bedarf bei heutiger Bevölkerung (~8.8 und 9.1 Mio).
Hinweis: Die offizielle Statistik (Soll 2013) blendet Bevölkerungswachstum aus. Realer Bedarf liegt deutlich höher.
Wo liegen die besten Böden?
Verteilung der Fruchtfolgeflächen nach Raumtyp (ARE‑Statistik 2023).
- Rund 70 % der hochwertigsten Böden liegen in städtischen & periurbanen Räumen.
- Konfliktzone: Siedlungsentwicklung vs. Ernährungssicherheit.
Offiziell liegt die Schweiz mit 445’680 Hektaren Fruchtfolgeflächen über dem Sollwert von 2013 (438’460 ha) – ein Plus von 1,65 %. Doch dieser Sollwert basiert auf einer Bevölkerungsannahme von nur 8,14 Mio. (Stand 2013).
Rechnet man mit den heutigen rund 9,1 Mio. Einwohnern, bräuchte die Schweiz fast 490’000 Hektaren, um dieselbe Kalorienbasis (2’340 kcal/Tag) abzusichern. Der vermeintliche Überschuss kehrt sich so in eine Lücke um.
Was offiziell als Überschuss von 1.65 % verkauft wird, ist in Wahrheit bereits ein Defizit von 9.1 %, wenn man die heutige Bevölkerung berücksichtigt.
Links: Soll/Bestand/Bedarf (8.8 & 9.1 Mio). Rechts: Deckung vs. Lücke bei ~9.1 Mio.
FFF-Bilanz (Hektaren)
Vergleich zwischen offiziellem Soll (2013), aktuellem Bestand und rechnerischem Bedarf bei heutiger Bevölkerung (~8.8 und 9.1 Mio).
Hinweis: «Soll (2013)» basiert auf 8.14 Mio Einwohnern; Bedarf linear skaliert.
Deckung der FFF bei ~9.1 Mio
Bestand 2023 im Verhältnis zum rechnerischen Bedarf bei ~9.1 Mio Einwohnern.
- Deckung: …% · Lücke: …%
- Linearer Skalierungsansatz gegenüber «Soll (2013)».
Quellenangaben
- Bundesamt für Raumentwicklung ARE: Sachplan Fruchtfolgeflächen, 2020
- ARE: Statistik Fruchtfolgeflächen Schweiz 2023 (PDF)
- Schweizer Bauer (28.11.2023): Fruchtfolgeflächen – Mindestumfang knapp erfüllt
- Espacesuisse (01.12.2023): Genügend Fruchtfolgeflächen vorhanden?
- Suissemelio (11.06.2025): Sachplan Fruchtfolgeflächen – Fachtagung
- Kanton Thurgau: Fruchtfolgeflächen im Kanton Thurgau (2025)
- Kanton Bern: Factsheet Entwicklung Fruchtfolgeflächen-Inventar
- Amt für Raumentwicklung Graubünden: Information zu den Fruchtfolgeflächen im Kanton GR
- KGK-CGC: Geodaten Fruchtfolgeflächen Schweiz 2023
- Wikipedia: Geschichte der Landwirtschaft in der Schweiz


