Über Alterung, Umlage, Produktivität und die Grenzen des Wachstums
In der öffentlichen Debatte über Alterung, Arbeitsmarkt und soziale Sicherung dominiert seit Jahren ein vertrautes Narrativ. Die Babyboomer gehen in Rente, die Gesellschaft altert, die Finanzierung der Sozialwerke gerät unter Druck. Diese Erzählung hat politisch Wirkung entfaltet, doch sie greift zunehmend zu kurz.
Die Geburtsjahrgänge der sogenannten Babyboomer von 1946 bis 1964 sind heute zum grössten Teil bereits pensioniert. Ein erheblicher Anteil bezieht Pensionskassenleistungen sogar vor Erreichen des ordentlichen Rentenalters. Die oft beschworene demografische Schockwelle liegt damit nicht mehr in der Zukunft, sondern gehört weitgehend der Vergangenheit an. Die traditionelle Alarmwarnung verliert an analytischer Substanz.
Damit ist das Thema nicht erledigt. Die Bevölkerungsstruktur verändert sich weiter. Prognosen des Bundesamts für Statistik zeigen, dass der Altersquotient, also das Verhältnis der über 65-Jährigen zur erwerbstätigen Bevölkerung, moderat zunimmt. Dieser Prozess ist jedoch weder abrupt noch neu. Er ist Teil einer langfristigen Entwicklung, die in der Schweiz und in anderen europäischen Ländern seit Jahrzehnten sichtbar ist.
Arbeit, Produktivität und Migration
Für Wirtschaft und Arbeitsmarkt bedeutet diese Entwicklung eine Phase geringeren quantitativen Wachstums. Mehr Menschen treten in den Ruhestand ein, als junge Jahrgänge neu in den Arbeitsmarkt eintreten. Ohne Migration würde die Zahl der Erwerbstätigen sinken, mit Migration wächst sie langsamer als früher. In der Vergangenheit hat Zuwanderung die Alterung der Erwerbsbevölkerung gedämpft, indem sie zusätzliche Arbeitskräfte bereitgestellt hat.
Diese Realität darf jedoch nicht zu einem verkürzten Schluss führen. Quantitatives Wachstum allein löst weder Produktivitätsprobleme noch sichert es sozialen Zusammenhalt. Im Gegenteil zeigt sich zunehmend, dass ein wachsender Arbeitskräftepool bei gleichzeitig tiefen Löhnen Investitionsanreize dämpfen kann. Produktivität entsteht nicht aus Masse, sondern aus Technologie, Qualifikation, Organisation und Kapitalallokation.
Die entscheidende Frage lautet daher nicht, wie viele Menschen arbeiten, sondern wie viel Wertschöpfung pro Kopf entsteht und wie diese verteilt wird.
Umlageverfahren und historischer Kontext
An diesem Punkt lohnt ein Blick auf das Umlageverfahren selbst. Dieses Prinzip geht wesentlich auf die Sozialgesetzgebung Otto von Bismarcks im späten 19. Jahrhundert zurück. Die staatliche Altersversicherung war weniger Ausdruck sozialer Romantik als ein staatspolitisches Instrument zur Stabilisierung der Gesellschaft. Das Umlageverfahren ist kein Sparsystem, sondern ein Generationenvertrag. Die aktuell Erwerbstätigen finanzieren die laufenden Renten.
Dieses System ist robuster, als oft behauptet wird. Es hängt nicht primär von der absoluten Zahl der Beitragszahler ab, sondern von deren wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit. Entscheidend sind Produktivität, Erwerbsbeteiligung und reale Lohnentwicklung. Alterung allein bringt ein Umlagesystem nicht zum Einsturz. Problematisch wird es dort, wo Wertschöpfung stagniert, Arbeit relativ entwertet wird und Kapitalerträge sich von der realen Wirtschaft entkoppeln.
Das AHV-Vermögen und seine Grenzen
In der Schweiz wird die AHV häufig so dargestellt, als verfüge sie über kein Vermögen. Diese Darstellung ist unpräzise. Zwar ist die AHV im Kern umlagefinanziert, doch existiert ein Ausgleichsfonds, der mehrere Jahresausgaben abdeckt. Dieses Vermögen dient der Stabilisierung und dem Ausgleich konjunktureller und demografischer Schwankungen.
Der Fonds kann Zeit kaufen, aber keine strukturellen Fehlentwicklungen kompensieren. Die langfristige Stabilität der AHV hängt weniger von der Höhe dieses Vermögens ab als von der Frage, wie Arbeit, Produktivität und Kapital künftig zusammenspielen. Wenn ein wachsender Teil der wirtschaftlichen Erträge in Bodenrenten, Finanzgewinnen oder monopolartigen Strukturen gebunden ist, während die reale Lohnentwicklung zurückbleibt, gerät jedes Umlagesystem unter Druck.
Gesellschaftliche und ökologische Dimension
Der demografische Wandel hat nicht nur ökonomische, sondern auch gesellschaftliche und ökologische Folgen. Ein älteres Bevölkerungsspektrum erhöht die Nachfrage nach Gesundheits- und Pflegeleistungen. Gleichzeitig verschärft quantitatives Bevölkerungswachstum den Druck auf Raum, Infrastruktur und Umwelt. Mehr Menschen bedeuten mehr Flächenverbrauch, mehr Verkehr, mehr Ressourcenverbrauch.
Ein einfaches Mehr an Bevölkerung als Antwort auf demografische Herausforderungen führt daher in eine Sackgasse. Eine ökologische Perspektive rückt andere Prioritäten in den Vordergrund. Lebensqualität statt blosses Wachstum, Produktivität durch Innovation und Bildung, sowie Sozialsysteme, die nicht auf permanente Expansion angewiesen sind.
Fazit
Die Schweiz tritt in eine neue demografische Phase ein. Die Alterung schreitet weiter voran, jedoch ohne den oft beschworenen dramatischen Bruch. Migration, längere Lebensarbeitszeiten und technologische Entwicklung verändern das Bild. Es ist ein Irrtum, diese Entwicklung als reine Alarmalterung zu deuten.
Die eigentliche Aufgabe liegt tiefer. Sie besteht darin, Produktivität zu steigern, Wertschöpfung breiter wirksam zu machen und soziale Sicherungssysteme von blindem Wachstumsdenken zu entkoppeln. Das Umlageverfahren ist kein Relikt, sondern ein Spiegel gesellschaftlicher Verhältnisse. Seine Zukunft entscheidet sich nicht an der Anzahl Menschen, sondern an der Qualität wirtschaftlicher und politischer Strukturen.
Demografischer Wandel ist kein Schicksal. Er ist eine Gestaltungsaufgabe.
Ökonomische Perspektiven zu Demografie, Umlage und Wachstum
«Nicht die Alterung an sich gefährdet die sozialen Sicherungssysteme, sondern ein schwaches Produktivitätswachstum. Eine Gesellschaft kann auch mit weniger Erwerbstätigen wohlhabend sein, wenn die Wertschöpfung pro Kopf steigt.»
– sinngemäss nach Paul Krugman
«Das Umlageverfahren ist kein veraltetes Relikt, sondern ein Spiegel der realen Wirtschaft. Entscheidend ist nicht die Demografie, sondern die Fähigkeit einer Volkswirtschaft, Einkommen zu generieren und fair zu verteilen.»
– sinngemäss nach Nicholas Barr
«Das Bruttoinlandsprodukt misst Marktaktivität, nicht gesellschaftlichen Wohlstand. Wachstum kann mit sinkender Lebensqualität einhergehen, wenn es auf Ressourcenverbrauch und Verdichtung basiert.»
– sinngemäss nach Joseph Stiglitz
«Eine alternde Gesellschaft ist kein ökonomisches Problem, solange sie innovativ bleibt. Technologischer Fortschritt ersetzt nicht Arbeit, sondern schlechte Organisation.»
– sinngemäss nach Daron Acemoglu
«Sozialversicherungssysteme scheitern nicht an zu vielen Alten, sondern an politischen Entscheidungen, die Produktivität, Löhne und Erwerbsintegration vernachlässigen.»
– sinngemäss nach Anthony Atkinson
Quellenangaben
- Nicholas Barr – Pensions in Aging Societies Grundlagenwerk zum Umlageverfahren, zur Rolle von Produktivität und zur Fehlinterpretation demografischer Risiken. Internationale Perspektive auf nachhaltige Altersvorsorge.
- OECD – Growing Unequal? Income Distribution and Poverty Analyse zur Verteilungsfrage, Produktivität und zur Bedeutung funktionierender Sozialsysteme in alternden Gesellschaften.
- Stiglitz, Sen, Fitoussi – Report on the Measurement of Economic Performance and Social Progress Grundlegende Kritik am Bruttoinlandsprodukt als Wohlstandsindikator. Einführung alternativer Messgrössen für Lebensqualität und Nachhaltigkeit.
- Daron Acemoglu & James A. Robinson – Why Nations Fail Institutionenökonomische Perspektive auf Produktivität, Innovation und langfristigen Wohlstand unabhängig von Bevölkerungswachstum.
- Anthony B. Atkinson – Inequality: What Can Be Done? Analyse zur Rolle von Löhnen, Sozialstaat und politischer Gestaltung bei der Stabilisierung von Umlagesystemen.
- Bundesamt für Statistik BFS – Demografie und Erwerbsbevölkerung Offizielle Schweizer Daten zu Altersstruktur, Altersquotient, Erwerbsbeteiligung und langfristigen Bevölkerungsprojektionen.
- AHV/IV – Ausgleichsfonds und Finanzierung Informationen zur Funktionsweise des Umlageverfahrens, zum AHV-Ausgleichsfonds und zur finanziellen Stabilisierung.


