Tektonische Zeiten

Ein Essay über die stillen Kräfte, die unsere Gesellschaft verschieben, lange bevor wir es merken.

Gesellschaften geraten nur selten von einem Tag auf den anderen aus dem Gleichgewicht. Ihre Grundfesten verschieben sich langsam, leise, aber stetig. So wie tektonische Platten in der Tiefe der Erde. Was oben still aussieht, arbeitet unten mit unvorstellbaren Kräften. Über Jahre, über Generationen hinweg stauen sich Spannungen, bis eines Tages die Erde zittert, und wir sagen: «Das kam aber plötzlich.» Doch in Wahrheit war es lange in der Vorbereitung.

So ist es auch in unserer Zeit. Wir spüren, dass etwas unter der Oberfläche arbeitet: eine innere Erschöpfung, eine Unruhe, die durch unsere Städte zieht, durch unsere Familien, durch unser Denken. Wirtschaftliche Abhängigkeiten, politische Ermüdung, seelische Leere, sie sind die unsichtbaren Verwerfungen unserer Gesellschaft. Erst wenn das Vertrauen bricht, werden sie sichtbar.

Die grossen Bewegungen der Geschichte verlaufen nie hektisch, sondern tief. Sie sind nicht wie politische Debatten, die laut aufflammen und rasch verglühen, sondern wie tektonische Kräfte, die Landschaften formen. Man spürt sie kaum, doch sie verändern alles.

Die britische Schriftstellerin Manda Scott schrieb einmal, dass wir gerade «aus dem poströmischen Traum erwachen». Einem Traum, in dem Macht, Besitz und Wachstum zum Massstab des Lebens geworden sind. Rom, sagt sie, ist nicht untergegangen. Es lebt in uns weiter, und zwar als Prinzip. Nicht als Stadt, nicht als Imperium, sondern als Denkweise. Es ist die Annahme, dass Fortschritt nur über ständiges Mehr möglich sei, dass Wohlstand grenzenlos wachsen könne, dass Führung vor allem vom Staat ausgehen müsse und dass das Sichtbare wichtiger sei als das, was im Hintergrund trägt.

Wir alle leben in diesem Nachbeben Roms. Unsere Rechtsordnung, unser Wirtschaftsmodell, unser urbanes Denken, sie alle tragen römische Gene in sich. An den Schweizer Universitäten wird noch heute römisches Recht gelehrt, nicht als historische Kuriosität, sondern als Fundament unseres Zivilrechts. Roms Sprache ist die Struktur unserer Verträge, sein Geist das Grundmuster unserer Machtlogik. Rom lebt in unseren Paragraphen, in unseren Bilanzen, in unserem Selbstverständnis.

Doch die Schweiz ist etwas anderes. Sie ist kein Reich, sondern ein Bund. Keine Macht, sondern ein Versprechen. Sie gründet nicht auf Eroberung, sondern auf Einverständnis, auf dem Willen, gemeinsam zu bestehen, weil man weiss, dass Freiheit nur in Mass und Verantwortung möglich ist. Wir sind eine Willensnation, keine imperiale Formation. Unser Fundament ist kein Recht von oben, sondern ein Vertrauen von unten.

Und hier verläuft die Bruchlinie unserer Zeit. Denn während Rom in uns weiterwirkt, quasi als ökonomischer Zwang, als globaler Expansionsdrang, als unstillbarer Hunger nach Wachstum, lebt in der Schweiz ein Gegenprinzip: nämlich das der Selbstbegrenzung im Dienst des Gemeinwohls. Dieses Prinzip steht heute unter Druck.

Bevölkerungsdruck, Wohnungsnot, Zuwanderung, Erschöpfung der Böden, Altersarmut und psychische Krisen. Sie sind die tektonischen Spannungen, die sich seit Jahren aufbauen. Wir reagieren mit Gesetzen, Subventionen, Schlagzeilen. Doch all das sind nur kleine Nachbeben, oder anders gesagt: Oberflächenphänomene. Die wirkliche Bewegung geschieht unter der Oberfläche unserer Gesellschaft.

Migration ist nicht nur eine Frage der Grenzen. Sie ist das Ergebnis politischer Entscheidungen, wirtschaftlicher Anreize und internationaler Ungleichgewichte. Die Schweiz hätte nach der Abstimmung von 2014 die Möglichkeit gehabt, diese Dynamik zu steuern. Sie hat es nicht getan. Die Folgen spüren wir heute im Wohnungsmarkt, in der Infrastruktur und im sozialen Gefüge. Wenn wir die Entwicklung wieder in die eigenen Hände nehmen wollen, müssen wir zuerst anerkennen, dass Steuerung nicht Abschottung bedeutet, sondern Verantwortung.

Das ist der tektonische Moment unserer Gegenwart. Wir bewegen uns auf Platten, die ständig in Bewegung sind, sei es bei der Bevölkerung, der Umwelt, den Werten oder den Ressourcen. Diese Kräfte wirken langsam, aber mit gewaltiger Energie. Wenn sie sich entladen, sprechen wir von einer Krise. In Wahrheit zeigt sich darin nur die logische Folge eines Denkens, das übersieht, dass jede Entwicklung eine Grenze hat.
Die grosse Aufgabe unserer Zeit besteht darin, diese Kräfte rechtzeitig zu deuten.
Nicht in Panik, sondern in Weisheit. Nicht in Angst, sondern in Bewusstsein.

Wohlfahrt, so wie sie in der Bundesverfassung in Artikel 2 garantiert wird, bedeutet dass der Staat die Voraussetzungen schafft, damit eine Gesellschaft im Gleichgewicht bleibt. Dieses Gleichgewicht zeigt sich wirtschaftlich tragfähig, sozial gerecht, ökologisch verantwortungsvoll und geistig wach. Wenn wir die heutigen Bruchlinien als Warnzeichen verstehen und nicht als Bedrohung, entsteht die Chance, das, was ins Wanken geraten ist, neu zu ordnen.

Die Schweiz hat die geistige Reife und das historische Gedächtnis, um diesen Schritt zu tun. Denn sie weiss, dass wahre Stärke nicht im Wachstum liegt, sondern im Mass.
Nicht in der Eroberung, sondern in der Pflege des Bodens, des Vertrauens, des Lebens.

Darum lautet die Frage unserer Zeit nicht: Wie viel Wachstum verträgt die Schweiz?
Sondern: Wie viel Schweiz verträgt unser Wachstum?