Viel Gerede, wenig Gehör – das Paradox der 10-Millionen-Schweiz-Debatte
115 Rednerinnen und Redner hatten sich für die Debatte im Nationalrat zur Initiative «Keine 10-Millionen-Schweiz» eingeschrieben. Eine Monsterliste, die eigentlich zeigen sollte, wie wichtig das Thema ist. Doch wer in den Saal blickte, sah vor allem leere Sitze. Ein Drittel der Räte war anwesend, die anderen fehlten. Es war die perfekte Illustration für das Paradox unserer politischen Kultur: Redebedarf ohne Zuhörbereitschaft.
Schon die alten Römer wussten: «Das Ohr des Menschen ist der Weg zum Herzen.» Doch in Bundesbern scheint dieser Weg verstopft. Während sich ein Abgeordneter nach dem anderen ans Rednerpult stellt, hallen die Worte in einem Raum, in dem kaum jemand zuhört. Karl Valentin, der deutsche Komiker, Humorist und Schauspieler hat es einmal treffend gesagt:
«Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.»
Das Bild der leeren Ränge spricht Bände.
Nicht etwa, weil das Thema unbedeutend wäre, sondern gerade weil es heikel ist. Bevölkerungswachstum gilt als Sprengstoff. Wer darüber spricht, läuft Gefahr, sofort in ideologische Raster eingeordnet zu werden. Also wird geredet, um Position zu markieren, nicht um Argumente abzuwägen.
Dabei ist die Frage, wie viel Wachstum die Schweiz verträgt, keine Nebensächlichkeit.
In den letzten 25 Jahren wuchs die Bevölkerung um über zwei Millionen Menschen, das entspricht mehr als der gesamten Romandie. Wohnungen sind knapp, Infrastrukturen unter Druck, und die Zersiedelung schreitet weiter voran. Die SVP fordert mit ihrer Initiative eine klare Obergrenze, die anderen Parteien setzen auf flexible Steuerung und den Schutz der bilateralen Verträge. Beide Seiten sprechen über reale Sorgen, aber kaum jemand wagt, über ein gemeinsames Bild der Zukunft zu sprechen.
So bleibt eine Leerstelle:
Die Frage, wie man ökonomische, soziale und ökologische Grenzen des Wachstums ernsthaft angehen könnte, geht im Redeschwall unter. Alle sprechen, aber kaum jemand hört hin. Damit aber fehlt der eigentliche Kern einer Debatte: das Ringen um Erkenntnis.
Für eine nachhaltige Zukunft wird man das Tabu nicht länger umgehen können.
Nicht die Schlagworte «Dichtestress» oder «Zuwanderungsstopp» stehen im Zentrum, sondern die schlichte, aber unerbittliche Frage: Wie viele Menschen kann dieses Land tragen, ohne dass Lebensqualität, Biodiversität und Versorgungssicherheit zerbrechen. Wer hier bloss redet und nicht zuhört, verfehlt den Kern der Aufgabe, die allen Parlamentariern auferlegt ist: die Wohlfahrt der Schweiz zu sichern. Dies verlangt nicht nur Redegewandtheit, sondern vor allem die Kunst des Zuhörens, die älter und würdiger ist als jedes Parteiwort.
Am Ende bleibt der Eindruck einer Debatte im Leerlauf. Vielleicht sollte man sich im Bundeshaus an den alten Sokrates erinnern: «Sprich, damit ich dich sehe, höre zu, damit ich dich verstehe.»
Denn die wahre Frage heisst: Hinterlassen wir unseren Kindern eine Schweiz mit schwindender Lebensqualität, zerstörten Landschaften und wachsender Abhängigkeit – oder eine, die sich an der Generationengerechtigkeit orientiert?
«Verantwortung für Morgen» bedeutet, nicht auf Kosten der Jungen zu leben. Unbegrenztes Wachstum bleibt der tote Winkel im politischen Spiegel: Unsichtbar für jene, die nicht genau hinsehen wollen, aber dennoch real und gefährlich. Wer diesen toten Winkel ignoriert, steuert unweigerlich in eine Kollision – und die Rechnung des Zusammenstosses zahlen am Ende nicht wir, sondern die nächsten Generationen.
Das Geschäft «Keine 10-Millionen-Schweiz (Nachhaltigkeitsinitiative)» (Geschäftsnummer 25.026) wurde im Nationalrat am Montag, 22. September 2025 erstmals traktandiert und debattiert.
Quellenangaben
- Parlament.ch – Geschäft 25.026 «Keine 10-Millionen-Schweiz» Offizielle Geschäftsseite des Nationalrats
- SVP Schweiz – Kampagnenseite «Nachhaltigkeitsinitiative» Informationen und Forderungen der Initianten
- EJPD – Stellungnahme des Bundesrats Ablehnung der Initiative, kein Gegenvorschlag
- Parlament.ch – Medienmitteilung SPK-N vom 27. Juni 2025 Kommissionsentscheid: Ablehnung, kein Gegenvorschlag
- Höfner Zeitung – Bericht vom 22. September 2025 Berichterstattung über die Nationalratsdebatte und leere Ränge


