Das Generationen-ABC


Von Babyboomern, Millennials und die unsichtbaren Fäden zwischen den Generationen

Ein Römer hätte sich nie als Babyboomer bezeichnet. Ein Athener ebenso wenig. Ein Gelehrter der Ming-Dynastie auch nicht.

Hätte man sie gefragt, wer sie seien, hätten sie von ihrer Familie gesprochen, von ihrer Stadt, ihrem Stand oder ihrem Herrscher. Vielleicht hätten sie sich als Veteran, Händler, Bauer oder Beamter beschrieben. Vor allem aber hätten sie sich als Teil einer Ordnung verstanden, die vor ihnen bestand und nach ihnen weitergehen würde.

Die Vorstellung, dass Millionen Menschen allein aufgrund weniger gemeinsamer Geburtsjahre eine eigene Identität bilden, ist erstaunlich jung. Frühere Gesellschaften kannten Generationen. Aber sie gaben ihnen keine Namen. Sie erzählten Geschichten.

Ein Schweizer des frühen 19. Jahrhunderts verstand sich nicht als Angehöriger einer Generation. Er war geprägt von den napoleonischen Kriegen, von Missernten, politischem Wandel oder der beginnenden Industrialisierung. Seine Zeit war keine Kategorie. Sie war Erfahrung.

Heute denken wir anders.

Wir sprechen von Babyboomern, Generation X, Millennials, Generation Z oder Generation Alpha. Diese Begriffe bevölkern Zeitungen, Studien und politische Debatten. Sie sollen erklären, wie Menschen arbeiten, wohnen, wählen oder konsumieren. Doch wer hat diese Namen eigentlich erfunden? Niemand im Besonderen. Kein Parlament hat sie beschlossen. Keine Akademie hat sie festgelegt. Sie entstanden in Statistiken, Romanen, Redaktionen und Marketingabteilungen. Sie sind weniger wissenschaftliche Entdeckungen als kulturelle Erfindungen.

Der Begriff «Babyboomer» bildet eine Ausnahme.

Er beschreibt einen realen demografischen Vorgang. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in vielen westlichen Ländern aussergewöhnlich viele Kinder geboren. Die Statistik sprach vom Babyboom. Daraus wurden die Babyboomer.

Die späteren Generationen verdanken ihre Namen dagegen Autoren, Historikern und Trendforschern. Besonders bemerkenswert ist die Geschichte der Generation X.

Der kanadische Schriftsteller Douglas Coupland machte den Begriff weltbekannt. Sein X stand für das Unbestimmte, für Menschen, die sich den Erwartungen ihrer Zeit entziehen wollten. Für eine Generation, die sich gerade nicht auf einen Nenner bringen lassen wollte.

Die Ironie ist bemerkenswert. Ein Autor, der gegen Schubladen anschrieb, schuf die erfolgreichste Schublade seiner Generation.

Doch vielleicht liegt darin weniger ein Widerspruch als eine Erkenntnis über Sprache selbst. Menschen können die Wirklichkeit nur verstehen, indem sie ihr Namen geben. Jeder Begriff ordnet und vereinfacht zugleich. Sprache schafft Orientierung, aber sie erzeugt auch Grenzen. Coupland wollte die Freiheit des Einzelnen verteidigen und zeigte dabei unfreiwillig, wie gross die Macht der Begriffe ist. Kaum war ein Name gefunden, begann eine ganze Generation, sich in ihm wiederzuerkennen oder gegen ihn anzuschreiben.

Wir wollen einzigartig sein. Gleichzeitig suchen wir Orientierung. Wir misstrauen Etiketten. Gleichzeitig können wir kaum ohne sie leben. Denn jede Erkenntnis beginnt mit einer Vereinfachung. Wer die Welt verstehen will, muss ordnen, gruppieren und unterscheiden. Ohne Begriffe gäbe es keine Wissenschaft, keine Statistik und keine politische Planung. Hier liegt das stärkste Argument für Generationenbegriffe.

Viele Kritiker halten sie für willkürliche Etiketten. Tatsächlich lassen sich die Grenzen zwischen den Jahrgängen selten exakt begründen. Weshalb sollte die Erfahrung eines 1980 Geborenen grundsätzlich anders sein als jene eines 1981 Geborenen? Auch der Vorwurf, Generationen würden Menschen auf stereotype Eigenschaften reduzieren, ist nicht von der Hand zu weisen.

Und dennoch greift die Kritik zu kurz. Gesellschaften bestehen nicht nur aus Individuen, sondern auch aus gemeinsamen Erfahrungen. Wer die Weltwirtschaftskrise, den Kalten Krieg, die Einführung des Internets oder die Verbreitung künstlicher Intelligenz in derselben Lebensphase erlebt, teilt oft bestimmte Prägungen, selbst wenn die persönlichen Lebenswege unterschiedlich bleiben. Generationenbegriffe erklären deshalb keine Menschen. Sie machen historische Muster sichtbar. Ihr Fehler liegt nicht in ihrer Existenz, sondern in ihrer Überdehnung.

Das Problem beginnt dort, wo wir die Begriffe mit der Wirklichkeit verwechseln.

Eine Landkarte ist nicht die Landschaft. Sie zeigt keine Wolken, keine Gerüche, keinen Vogelruf und keinen Regentag. Dennoch wäre es töricht, ohne Karte durch unbekanntes Gelände zu ziehen. So verhält es sich auch mit Generationen. Sie zeigen Muster, nicht Menschen. Sie erklären Entwicklungen, nicht Persönlichkeiten. Sie helfen uns zu verstehen, wie eine Gesellschaft geprägt wird. Sie sagen uns jedoch nicht, wer ein einzelner Mensch ist.

Darin liegt ihre Stärke und zugleich ihre Grenze. Nicht jeder Babyboomer ist wohlhabend. Nicht jeder Millennial ist digital versiert. Nicht jede junge Person der Generation Z denkt gleich. Generationen sind keine Charakterbeschreibungen. Sie sind historische Verdichtungen. Sie beantworten nicht die Frage, wer wir sind. Sie beantworten höchstens die Frage, in welcher Zeit wir geprägt wurden. Das ist ein bedeutender Unterschied.

Die ältesten Schweizerinnen und Schweizer erinnern sich an eine Welt ohne Fernsehen. Die jüngsten kennen keine Welt ohne Internet. Zwischen beiden liegt nicht nur ein technischer Wandel, sondern ein ganzes Jahrhundert gesellschaftlicher Erfahrung.

Eine Bevölkerung ist deshalb mehr als eine Zahl. Sie ist ein Gedächtnis. Vielleicht erklärt dies die anhaltende Wirkung eines Satzes, der meist Mark Twain zugeschrieben wird: «Die Geschichte wiederholt sich nicht, aber sie reimt sich.»

Ob Twain ihn tatsächlich gesagt hat, weiss niemand mit Sicherheit. Bemerkenswert ist gerade das. Der Satz hat seinen Autor beinahe verloren und dennoch überlebt. Vielleicht weil er eine Erfahrung beschreibt, die älter ist als jede Quellenkritik. Jede Generation hält sich für einzigartig. Jede erlebt ihre Technologien, Krisen und Umbrüche als beispiellos. Und doch begegnen uns dieselben Fragen in immer neuen Gewändern. Die Reime der Geschichte sind oft beständiger als ihre Urheber.

Hier erhält der Generationenbegriff seine eigentliche Bedeutung.

Nicht als Etikett. Nicht als Schublade. Sondern als Erinnerung daran, dass keine Generation bei Null beginnt.

Jede Generation erbt eine Welt, die sie nicht geschaffen hat. Jede verändert sie. Und jede hinterlässt sie den Nächsten. Innerhalb eines einzigen Landes überlagern sich heute Erfahrungen, die ein Jahrhundert umspannen.

Vielleicht ist dies der eigentliche Sinn der Generationenbegriffe. Nicht Menschen voneinander zu trennen, sondern sichtbar zu machen, wie Geschichte durch Menschen hindurchwandert. Was die einen für selbstverständlich halten, mussten andere erst erfinden. Was die einen aufbauen, übernehmen die nächsten.

Denn jede Generation hinterlässt mehr als Dinge. Sie hinterlässt Massstäbe dafür, was als erstrebenswert und bewahrenswert gilt. Die eigentliche Frage lautet deshalb nicht, welcher Generation wir angehören.

Sondern, was wir in die Zukunft tragen.


ecologie suisse · generationen

Generationen-ABC

Von Babyboomern, Millennials und den unsichtbaren Fäden zwischen den Generationen.

1900
1925
1950
1975
2000
2025
Generationen nach Jahrgängen
Weltkriege
Radio
Fernsehen
Mondlandung
Computer
Internet
Smartphone
KI
Silent Generationbis 1945
Babyboomer1946–1964
Generation X1965–1980
Millennials1981–1996
Generation Z1997–2012
Gen Alphaab 2013

Die Grenzen einer Generation ziehen Demografen. Ihren Charakter prägen die Ereignisse ihrer Zeit. Entscheidend ist nicht ihr Name. Sondern ihr Vermächtnis.

Generationenabgrenzung in vereinfachter Form: Silent Generation bis 1945, Babyboomer 1946–1964, Generation X 1965–1980, Millennials 1981–1996, Generation Z 1997–2012, Gen Alpha ab 2013.

ecologie suisse · BFS STATPOP 2025

Die Generationen der Schweiz

Anteil an der ständigen Wohnbevölkerung nach Generationen. Die Werte zeigen nicht Charaktere, sondern historische Prägungen.

Millennials1981–1996 · ca. 2’063’635 Personen
22.8%
Generation X1965–1980 · ca. 2’018’379 Personen
22.3%
Babyboomer1946–1964 · ca. 1’783’053 Personen
19.7%
Generation Z1997–2012 · ca. 1’529’624 Personen
16.9%
Generation Alphaab 2013 · ca. 1’068’021 Personen
11.8%
Silent Generationbis 1945 · ca. 588’317 Personen
6.5%
Fast jede zweite Person gehört zur Generation X oder zu den Millennials.

Die Schweiz ist nicht nur eine Bevölkerung von 9’051’029 Menschen. Sie ist ein Gedächtnis aus sehr unterschiedlichen Lebenserfahrungen.

Quelle: Bundesamt für Statistik BFS, STATPOP 2025, ständige Wohnbevölkerung der Schweiz am 31.12.2025: über 9.1 Millionen Personen. Eigene Berechnung nach Generationenabgrenzung: Gen Alpha ab 2013, Gen Z 1997–2012, Millennials 1981–1996, Generation X 1965–1980, Babyboomer 1946–1964, Silent Generation bis 1945. Prozentwerte gerundet.


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