Die Schweiz und die Frage nach dem guten Leben


Ein Gespräch über Wohlfahrt, Nachhaltigkeit und die
Verantwortung gegenüber kommenden Generationen.

Der emeritierte Bankenprofessor Prof. Dr. Hans Geiger gehört seit Jahrzehnten zu den profiliertesten Finanz- und Wirtschaftskennern der Schweiz. In diesem Gespräch spricht er über Wohlfahrt, Nachhaltigkeit, Schulden, Lebensqualität und die Frage, warum Wachstum allein noch keine gute Gesellschaft macht.

Hans, die Schweiz gehört zu den reichsten Ländern der Welt. Aber haben wir heute überhaupt noch ein gemeinsames Verständnis davon, was Wohlfahrt bedeutet, oder reduzieren wir den Begriff zunehmend auf materiellen Wohlstand?
Unsere Bundesverfassung gibt darauf eine bemerkenswerte Antwort. In Artikel 2 Absatz 2 steht, der Bund fördere «die gemeinsame Wohlfahrt, die nachhaltige Entwicklung, den inneren Zusammenhalt und die kulturelle Vielfalt des Landes». Auffällig ist dabei, dass weder Wohlstand noch Wirtschaftswachstum erwähnt werden. Der Zweckartikel der Bundesverfassung beschreibt zentrale Aufgaben des Staates: erstens Freiheit und Sicherheit zu schützen, zweitens die gemeinsame Wohlfahrt zu fördern, drittens Chancengleichheit zu gewährleisten und viertens die natürlichen Lebensgrundlagen dauerhaft zu erhalten. Für unsere Diskussion sind insbesondere zwei Punkte entscheidend: die gemeinsame Wohlfahrt und die nachhaltige Entwicklung.

Wirtschaft gehört selbstverständlich dazu, erscheint in der Verfassung aber eher als Mittel und nicht als Zweck. Im Zentrum steht vielmehr die Frage nach einem guten Leben und dessen langfristiger Sicherung. Die gemeinsame Wohlfahrt beschreibt den gegenwärtigen Zustand eines guten Lebens. Dazu gehört Wohlstand, aber eben nicht nur Wohlstand. Auch soziale, kulturelle und ökologische Aspekte spielen eine Rolle. Nachhaltige Entwicklung wiederum bedeutet, die Voraussetzungen dafür zu schaffen, dass auch zukünftige Generationen ein gutes Leben führen können. Vereinfacht gesagt: Das eine fragt nach dem guten Leben heute, das andere nach dem guten Leben morgen. Dahinter steht letztlich auch das bekannte Nachhaltigkeitsdreieck aus Ökologie, Ökonomie und Sozialem. Das Wort «Ökonomie» stammt ursprünglich vom griechischen «oikos», dem Haus. Es geht also um die Frage, wie wir unser gemeinsames Haus bestellen.

Interessant ist, dass die systematische Messung von Wohlfahrt und nachhaltiger Entwicklung ursprünglich stark aus grünen Kreisen angestossen wurde. Vor mehr als zehn Jahren begann das Bundesamt für Statistik damit, Wohlfahrt umfassender zu messen. Diese Arbeiten wurden inzwischen eingestellt. Einerseits ist das bedauerlich, andererseits zeigt es auch, wie schwierig es ist, gesellschaftliches Interesse für solche Fragen langfristig aufrechtzuerhalten.

Natürlich bleibt Wohlfahrt ein schwieriges Thema, weil sich nicht alles exakt messen lässt. Aber gerade darin liegt die Herausforderung. Auf Cournot, den französischen Mathematiker, Ökonom und Wissenschaftsphilosoph, geht die Maxime zurück: «Miss, was messbar ist, und mache messbar, was noch nicht messbar ist.» Genau darin liegt letztlich der ernsthafte Versuch, Wohlfahrt überhaupt greifbar zu machen.


Wir sprechen ständig über Wirtschaftswachstum und das Bruttoinlandprodukt, oft so, als wären diese Zahlen objektive Abbilder gesellschaftlicher Realität. Gleichzeitig sagen viele Ökonomen, dass selbst das BIP keine einfache Messung, sondern eine komplexe statistische Konstruktion ist. Erfassen unsere wirtschaftlichen Kennzahlen überhaupt jene Leistungen, auf denen gesellschaftliche Wohlfahrt tatsächlich beruht?
Das BIP misst natürlich nicht «Wertschöpfung» im umfassenden Sinn des Lebens. Gemessen wird nur das, was innerhalb der offiziellen Wirtschaft monetär abgegolten wird. Dazu gehören private Unternehmen und auch staatliche Institutionen. Wenn beispielsweise ein Haus gebaut wird oder professionelle Pflegeleistungen erbracht werden, erscheint das im BIP. Wird die Pflegeleistung innerhalb der Familie erbracht, erscheint sie nicht im BIP. Interessant wird es, wenn eine Tätigkeit aus dem privaten Bereich in die formelle Wirtschaft überführt wird: Hat eine Person ihre Mutter oder Grossmutter selbst gepflegt, tauchte das statistisch nicht auf. Wird dieselbe Tätigkeit heute von der gleichen Person im Rahmen einer privaten Spitex-Organisation wahrgenommen, erscheint sie plötzlich im BIP. Und auch die Vermittlungstätigkeit der Spitex-Organisation erscheint als Wertschöpfung. Statistisch entsteht Wachstum, obwohl sich real nichts verändert hat.

Neben dem Bereich der Familie gibt es einen weiteren Bereich, dessen Leistungen nicht in die Messung des Sozialproduktes eingehen: die kriminelle Sphäre. Leistungen und Zahlungen, die innerhalb der kriminellen Schattenwelt erbracht werden, erscheinen natürlich nicht in der offiziellen Wirtschaftsstatistik. Wenn die Müllabfuhr statt von der Mafia von der öffentlichen Hand organisiert wird, steigt das Bruttoinlandprodukt statistisch, ohne dass mehr Müll abgeführt wird. Vielleicht war der bezahlte Preis für die kriminelle Müllabfuhr gleich hoch wie für die staatliche. Diese Beispiele zeigen, wie selektiv das BIP bestimmte Formen von Leistung und Aktivität erfasst oder nicht erfasst.

Wenn man über Wohlfahrt spricht, kommt man zwangsläufig auch zur Frage, was überhaupt als wirtschaftliche Leistung sichtbar wird. Das Bundesamt für Statistik schätzte den Wert der unbezahlten Arbeit in der Schweiz zuletzt auf rund 434 Milliarden Franken pro Jahr, bei einem Bruttoinlandprodukt von ungefähr 800 Milliarden Franken. Das entspricht mehr als der Hälfte der offiziellen Wirtschaftsleistung. Gleichzeitig fliesst ein grosser Teil dieser Arbeit, etwa Familienarbeit, Betreuung oder Freiwilligenarbeit, gar nicht direkt ins BIP ein. Unterschätzen wir deshalb womöglich systematisch jene Leistungen, auf denen eine Gesellschaft tatsächlich aufbaut?

Das BIP will diese Leistungen eigentlich gar nicht direkt erfassen, weil ihnen oft kein Marktpreis zugrunde liegt. Um ihren Wert für die Wohlfahrt dennoch sichtbar zu machen, arbeitet man mit Annäherungen und fragt etwa: Was würde dieselbe Leistung kosten, wenn sie offiziell eingekauft werden müsste? Das ist methodisch sinnvoll, zeigt aber gleichzeitig die Grenzen der BIP-Betrachtungen.


Die Frage nach dem guten Leben ist ja keineswegs neu. Bereits Platon schrieb, entscheidend sei nicht bloss das Leben, sondern das gute Leben. Wenn man die heutige Debatte betrachtet, entsteht manchmal der Eindruck, dass wir Wohlstand sehr präzise messen können, aber immer weniger darüber sprechen, was ein gutes Leben eigentlich ausmacht. Haben wir in der Schweiz ein Stück weit verlernt, Wohlfahrt qualitativ zu beurteilen?
Die Wohlfahrtsmessungen waren letztlich genau der Versuch, etwas sichtbar zu machen, das sich nie vollständig messen lässt. Natürlich bleibt vieles subjektiv. Aber wenn ich die Schweiz mit anderen Ländern vergleiche, habe ich keinen Zweifel daran, dass wir über eine aussergewöhnlich hohe Wohlfahrt verfügen. Nicht nur beim Bruttoinlandprodukt pro Kopf, wo die Schweiz seit Jahren zur Weltspitze gehört, sondern auch im Alltag: bei Sicherheit, Stabilität, Infrastruktur, Bildung, Gesundheitsversorgung oder dem Vertrauen in Institutionen. Gerade deshalb ist die Diskussion über Wohlfahrt wichtig. Denn sie erinnert uns daran, dass ein gutes Leben aus weit mehr besteht als bloss aus gemessenem wirtschaftlichem Wachstum.


Wenn man die heutige Schweiz mit jener der Mitte des 19. Jahrhunderts vergleicht, wird deutlich, wie ausgesprochen arm dieses Land einst war. Heute gehört die Schweiz bei Wohlstand und Wohlfahrt weltweit zur Spitze. Das lässt sich kaum allein durch Zufall erklären. Die Schweiz hatte lange eine Kultur des präzisen, verlässlichen und qualitativ hochwertigen Arbeitens, sei es im Handwerk, in der Industrie, im Banking oder in der Forschung. Glaubst du, dass diese Haltung weiterhin ein entscheidender Wettbewerbsvorteil der Schweiz ist, oder besteht die Gefahr, dass wir genau diese Stärke langsam verlieren?
Ja, ich glaube schon, dass wir diese Vorteile bewahren werden. Ein zentraler Grund ist für mich die direkte Demokratie. Sie verhindert zumindest teilweise den politischen Verfall, den man in vielen anderen Ländern beobachten kann. Wenn man sieht, wie in manchen Staaten Politik betrieben wird, kann einem manchmal schon etwas mulmig werden. Die direkte Demokratie zwingt die Politik näher an die Bevölkerung und schafft ein anderes Verantwortungsgefühl. Das zweite grosse Element ist der Föderalismus. Die Schweiz funktioniert eben nicht nur von Bern aus, sondern stark lokal. Vieles wird dort entschieden, wo die Menschen direkt betroffen sind. Gerade bei Schulen oder Gemeinden sieht man das sehr konkret. Unsere Nachbarn haben einen Migrationshintergrund. Sie sind bewusst von einer Nachbargemeinde nach Weiningen gezogen, weil sie die Schulen als besser empfanden. Solche Entscheidungen zeigen, wie wichtig lokale Qualität ist. Der Föderalismus schafft Wettbewerb zwischen Gemeinden und Kantonen. Das betrifft nicht nur Steuern, sondern vor allem auch die Qualität von Institutionen und des öffentlichen Lebens. Natürlich gibt es Unterschiede bei der Steuerkraft. Aber für mich persönlich ist das weniger entscheidend. Viel wichtiger ist die Frage, wo man sich verbunden fühlt und wo gesellschaftliche Strukturen funktionieren. Und darunter gibt es noch eine tiefere Ebene: die Familie und die lokalen Gemeinschaften. Dort entsteht letztlich ein grosser Teil jener Stabilität und Wohlfahrt, die die Schweiz bis heute auszeichnen.


Gleichzeitig hat sich aber auch vieles verändert. Die Familie gilt heute längst nicht mehr selbstverständlich als kleinste tragende Einheit der Gesellschaft. Manche Strukturen funktionieren weiterhin sehr gut, andere erodieren sichtbar. Wenn man an die Schweiz denkt, verbindet man damit oft Qualität, Präzision und Vertrauen: das Schweizer Taschenmesser, Victorinox, die Uhrenindustrie, aber auch Banken oder technische Spitzenleistungen. Die Schweiz war lange eine Art Gütesiegel. Meine Frage ist deshalb: Könnte ein Verlust an gesellschaftlicher Wohlfahrt langfristig auch zu einem Verlust dieser Qualitätskultur führen? Und beginnt diese Entwicklung womöglich nicht zuerst in Unternehmen oder Institutionen, sondern bereits viel früher, im familiären und gesellschaftlichen Fundament?
Ja, absolut. Gesellschaftliche Stabilität beginnt letztlich immer unten, bei den grundlegenden Strukturen des Zusammenlebens. Wenn Familien, lokale Gemeinschaften oder das Vertrauen im Alltag erodieren, bleibt das nicht ohne Folgen für die Gesellschaft insgesamt. Lebensqualität entsteht nicht einfach in Verwaltungsgebäuden oder Konzernzentralen. Sie wächst von unten her, aus Haltungen, Gewohnheiten und einer bestimmten Kultur des Verantwortungsgefühls. Vielleicht hängt die Schweizer Qualitätskultur aber auch mit unserer Geschichte und Geografie zusammen. Die Schweiz war nie eine klassische Grossmacht mit kolonialem Zugriff auf die Welt. Wir hatten keinen Zugang zum Meer, keine imperiale Machtpolitik und waren gezwungen, aus begrenzten Möglichkeiten heraus besonders präzise, verlässlich und innovativ zu arbeiten. In gewisser Weise musste die Schweiz Qualität entwickeln, weil ihr Grösse und Macht fehlen. Auch unsere geografische Lage mitten in Europa spielte dabei vermutlich eine wichtige Rolle. Die Schweiz war immer stark eingebunden und gleichzeitig gezwungen, ihren eigenen Weg zu finden.


Könnte man also sagen, dass die Schweiz in gewisser Weise auch durch ihre Ausgangslage privilegiert war? Gerade weil wir klein waren, keine koloniale Grossmacht und aus begrenzten Möglichkeiten heraus lernen mussten, Qualität, Stabilität und Verlässlichkeit zu entwickeln?
Ja, sicher. Andere Länder konnten ihre Grösse oder ihren Einfluss teilweise über Kolonien, Rohstoffe oder Machtpolitik entfalten. Die Schweiz hatte diese Möglichkeiten nie. Wir mussten unseren Platz auf andere Weise finden. Vielleicht entstand gerade daraus diese starke Orientierung auf Qualität, Präzision und Vertrauen. Wenn man klein ist und keine grossen Machtmittel hat, bleibt einem letztlich nur, Dinge besser zu machen als andere.


Ein interessanter Gedanke wäre vielleicht auch dieser: Die Schweiz hat sich historisch immer wieder darauf spezialisiert, aus Nachteilen Vorteile zu machen. Aus ihrer Kleinheit, ihrer Rohstoffarmut oder ihrer geografischen Lage entstanden oft Innovation, Präzision und internationale Vernetzung. Könnte genau diese Fähigkeit, mit Begrenzungen produktiv umzugehen, ein Teil des Schweizer Erfolgsmodells sein?
Ja, das glaube ich schon. Die Schweiz musste immer Lösungen finden, ohne über klassische Machtmittel zu verfügen. Deshalb entstand eine gewisse Anpassungsfähigkeit. Man hat gelernt, aus schwierigen Ausgangslagen etwas Produktives zu machen. Auch wirtschaftlich sieht man, dass sich vieles verändert hat. 2002 traten die Bilateralen I in Kraft. Die EU umfasste 15 Mitgliedstaaten und 379 Millionen Einwohner. Der Anteil der Warenexporte der Schweiz in die EU-Staaten betrug 57 Prozent. Heute umfasst die EU 27 Länder mit 450 Millionen Einwohnern. Der Exportanteil der EU beträgt 2024 noch 40 Prozent, bei Dienstleistungen noch weniger.

Natürlich bleiben vor allem die europäischen Nachbarländer zentral wichtig. Aber die Schweiz war wirtschaftlich nie nur auf einen einzigen Raum ausgerichtet. Sie musste immer lernen, sich flexibel in einer grösseren Welt zu behaupten. Der Anteil der Exporte in unsere vier grossen Nachbarländer ging seit 2002 von 42 Prozent auf 24 Prozent zurück, und die USA wurden zum wichtigsten Exportland.


Viele Menschen haben heute das Gefühl, dass zentrale Pfeiler der Wohlfahrt unter Druck geraten: Wohnen wird teurer, Gesundheitskosten steigen, Familien stehen unter Belastung und auch die Altersvorsorge wirkt zunehmend fragil. Gleichzeitig sprechen wir oft fast nur noch darüber, was nicht funktioniert. Haben wir ein Stück weit verlernt, überhaupt zu definieren, was ein gutes Leben ausmacht? Und siehst du noch die Möglichkeit, dass die Schweiz bei diesen Fragen wieder stärker ins Gleichgewicht findet, oder sind gewisse Entwicklungen kaum mehr umkehrbar?
Wenn man vom Nachhaltigkeitsdreieck spricht, also von Ökologie, Ökonomie und Sozialem, dann konzentriert sich die öffentliche Debatte meist fast ausschliesslich auf das Ökonomische, auf Wachstum, BIP oder Kostenfragen. Dabei ist in den letzten Jahrzehnten gerade der ökologische Bereich stark unter Druck geraten. Interessant ist auch, dass viele ökologische Fragen ursprünglich stark von grünen Kreisen thematisiert wurden, heute aber vermehrt von konservativen oder bürgerlichen Kräften aufgenommen werden. Das zeigt, wie sehr sich politische Debatten verschieben können. Die Frage der Nachhaltigkeit ist letztlich keine linke oder rechte Frage, sondern betrifft die langfristige Tragfähigkeit einer Gesellschaft insgesamt.

Beim Sozialen ist die Situation komplexer. Gesellschaftliche Integration braucht Zeit. Ich erinnere mich noch gut an die italienischen Arbeiter auf den Baustellen meiner Jugend. Damals galten sie vielen als fremd. Eine Generation später gehören die italienischstämmigen Secondos heute ganz selbstverständlich zur Schweiz und oft zu den integriertesten Teilen der Gesellschaft. Integration funktioniert also durchaus, aber sie braucht Zeiträume von Jahrzehnten und nicht nur wenige Jahre. Gleichzeitig darf man nicht unterschätzen, wie stark sehr schnelle gesellschaftliche Veränderungen soziale Strukturen belasten können. Jede Gesellschaft verfügt nur über eine begrenzte Integrationsgeschwindigkeit. Wohlfahrt hängt deshalb nicht nur von Einkommen oder Wachstum ab, sondern auch davon, ob soziale, kulturelle und ökologische Stabilität langfristig erhalten bleiben.


In der Schweiz wird oft argumentiert, man könne immer dichter bauen und trotzdem dieselbe Lebensqualität erhalten. Gleichzeitig gehört gerade die Nähe zur Natur für viele Menschen zur eigentlichen Wohlfahrt dieses Landes. In Zürich ist man oft innerhalb weniger Minuten im Wald oder am Wasser. Meine Frage ist deshalb: Kann man unbegrenzt verdichten, ohne dabei genau jene Lebensqualität und Naturräume zu verlieren, die die Schweiz überhaupt erst attraktiv machen, auch für kommende Generationen?
Genau das ist der entscheidende Punkt. Die Schweiz ist flächenmässig kein grosses Land und trotzdem besitzt sie eine aussergewöhnliche Nähe zur Natur. Selbst aus einer Stadt wie Zürich ist man mit dem öffentlichen Verkehr schnell im Wald oder in einer natürlichen Umgebung. Das ist ein enormer Teil unserer Wohlfahrt. Natürlich kann man dichter bauen. Wenn mehr Menschen auf derselben Fläche leben sollen und gleichzeitig möglichst viel Natur erhalten bleiben soll, dann führt das fast zwangsläufig zu höheren Gebäuden und stärkerer Verdichtung. Aber irgendwann stellt sich auch die Frage nach der Lebensrealität. Wie lebt eine Familie mit kleinen Kindern im zwanzigsten Stock eines Hochhauses? Das ist nicht nur eine technische oder wirtschaftliche Frage, sondern auch eine Frage der Lebensqualität und des menschlichen Masses. Wohlfahrt bedeutet eben nicht nur effiziente Raumnutzung, sondern auch die Frage, in welcher Umgebung Menschen langfristig gut leben können.


Genau dort zeigt sich doch der eigentliche Kern von Wohlfahrt. Es geht nicht nur um Einkommen oder wirtschaftliche Leistung, sondern um Lebensqualität: Können Kinder naturnah aufwachsen? Gibt es Ruhe, Sicherheit und funktionierende soziale Räume? Viele grosse Metropolen sind wirtschaftlich enorm erfolgreich und gleichzeitig erleben Menschen dort ihren Alltag zunehmend als stressig, teuer und belastend. Kann eine Gesellschaft wirtschaftlich wachsen und trotzdem an Wohlfahrt verlieren?
Ja, absolut. Lebensqualität ist letztlich fast ein Synonym für Wohlfahrt. Deshalb versucht man heute ja auch, andere Indikatoren stärker zu berücksichtigen. Der World Happiness Report etwa misst nicht nur Einkommen, sondern auch Lebenserwartung, soziale Unterstützung, Vertrauen in Institutionen, wahrgenommene Freiheit und sogar Grosszügigkeit oder Spendenbereitschaft. Interessant ist dabei, dass die Schweiz trotz vieler aktueller Probleme international weiterhin sehr weit vorne liegt. Das zeigt, dass Wohlfahrt weit mehr umfasst als bloss wirtschaftliche Leistung. Gleichzeitig sieht man an anderen Ländern auch, dass wirtschaftlicher Erfolg allein nicht genügt. In den USA beispielsweise sinkt trotz enormer Gesundheitsausgaben teilweise sogar die durchschnittliche Lebenserwartung. Das zeigt, dass zwischen Wohlstand und Wohlfahrt ein erheblicher Unterschied bestehen kann. Die entscheidende Frage lautet deshalb: Wie erhalten wir jene Lebensqualität, die Menschen langfristig als gutes Leben empfinden?


Trotz aller berechtigten Kritik an steigenden Gesundheitskosten muss man doch auch festhalten: Die medizinische Versorgung in der Schweiz funktioniert im internationalen Vergleich aussergewöhnlich gut. Viele Menschen merken erst im Ausland, wie privilegiert ein System ist, in dem man relativ rasch Zugang zu Ärztinnen, Spezialisten und Behandlungen erhält. Gehört nicht gerade diese Verlässlichkeit ebenfalls zur Wohlfahrt eines Landes?
Ja, absolut. Das Schweizer Gesundheitssystem funktioniert insgesamt sehr gut, gerade im internationalen Vergleich. In vielen Ländern wartet man monatelang auf Untersuchungen oder Spezialtermine. In der Schweiz erhält man oft relativ schnell Zugang zu medizinischer Versorgung auf hohem Niveau. Das ist ein enormes Privileg, auch wenn man sich im Alltag vielleicht zu wenig bewusst ist, wie aussergewöhnlich das eigentlich ist. Natürlich kostet dieses System sehr viel Geld und darüber muss man diskutieren. Aber man darf dabei nicht vergessen, was man dafür erhält. Gerade im Gesundheitswesen zeigt sich der Unterschied zwischen blossen Kosten und tatsächlicher Wohlfahrt besonders deutlich.

Interessant ist auch die aktuelle Debatte rund um Migration und Gesundheitswesen. Oft wird behauptet, ohne massive zusätzliche Zuwanderung würde das Gesundheitssystem sofort kollabieren. Gleichzeitig zeigen Statistiken, dass nur ein kleiner Teil der gesamten Zuwanderung auf Ärztinnen, Ärzte oder Pflegepersonal entfällt (rund 3 Prozent). Diese differenzierte Betrachtung geht in der öffentlichen Diskussion manchmal etwas verloren. Am Ende zeigt sich gerade im Gesundheitswesen sehr deutlich, was Wohlfahrt konkret bedeutet: funktionierende Institutionen, Vertrauen und die Gewissheit, im Ernstfall rasch und gut versorgt zu werden.


Wenn wir über nachhaltige Wohlfahrt sprechen, kommen wir früher oder später auch zur Frage der Schulden. Schulden an sich sind ja nichts Aussergewöhnliches. Jede offene Rechnung ist letztlich bereits eine Schuld. Problematisch wird es erst bei der Überschuldung. Ist die Schuldenbremse deshalb nicht weit mehr als ein finanztechnisches Instrument, sondern letztlich auch ein Schutzmechanismus für die langfristige Wohlfahrt einer Gesellschaft?
Wenn wir von Nachhaltigkeit sprechen, dann bedeutet das ja, dass es auch zukünftigen Generationen mindestens so gut gehen soll wie uns heute. Genau deshalb sind Staatsschulden für mich ein zentrales Thema. Dauerhafte Überschuldung ist der Killer jeder nachhaltigen Wohlfahrt. Denn Schulden verschwinden nicht. Sie werden weitergereicht. Was eine Generation konsumiert, muss irgendwann von einer anderen bezahlt werden.

Die Schweiz besitzt mit der Schuldenbremse deshalb eines der wichtigsten politischen Instrumente überhaupt. Entscheidend ist aber nicht, ob man schöne Regeln formuliert, sondern ob man sie tatsächlich einhält. Viele Staaten leben heute systematisch über ihre Verhältnisse und tun gleichzeitig so, als liesse sich dieses Problem unbegrenzt in die Zukunft verschieben. Natürlich gibt es Investitionen, bei denen Schulden sinnvoll sein können. Aber strukturelle Überschuldung ist letztlich der Oberkiller jeder nachhaltigen Entwicklung. Denn sie frisst die Zukunft auf. Sie zerstört schleichend die finanzielle Stabilität, die Währung, die Ersparnisse und irgendwann auch das Vertrauen in den Staat selbst. Historisch wurden überschuldete Systeme fast immer auf dieselbe Weise bereinigt: durch Inflation oder durch Staatsbankrotte mit massiven gesellschaftlichen Verwerfungen. Inflation ist dabei besonders perfid, weil sie wie eine versteckte Enteignung wirkt. Die Menschen merken oft erst spät, dass ihre Kaufkraft verschwindet. Genau deshalb ist finanzielle Stabilität weit mehr als Buchhaltung. Sie ist eine zivilisatorische Voraussetzung für langfristige Wohlfahrt.


Interessant ist ja, dass Schulden in fast allen grossen religiösen Traditionen ein sensibles Thema waren. Sowohl im Judentum, im Christentum als auch im Islam existierten Regeln, die Schuldner schützen und verhindern sollten, dass Menschen durch Schulden ihre Freiheit verlieren. Heute scheint sich die Perspektive teilweise umgekehrt zu haben: Verschuldung gilt fast als Normalzustand, sowohl privat als auch staatlich. Haben wir den kulturellen Respekt vor der zerstörerischen Kraft von Schulden ein Stück weit verloren?
Ja, das glaube ich schon. Historisch standen viele religiöse Regeln tatsächlich im Zeichen des Schutzes der Schuldner. Man wusste, dass Schulden Menschen in existenzielle Abhängigkeiten bringen können und sie zu Sklaven macht. Deshalb gab es etwa Schuldenerlasse, Zinsbegrenzungen oder klare soziale Schutzmechanismen. Ziel war letztlich, zu verhindern, dass Menschen durch Verschuldung ihre Freiheit oder sogar ihre Lebensgrundlage verlieren. Heute hat sich der Blick teilweise verschoben. Verschuldung wird vielerorts fast als normaler Dauerzustand betrachtet, sowohl bei Staaten als auch im privaten Bereich. Gleichzeitig vergisst man oft, dass Schulden langfristig immer Konsequenzen haben. Irgendjemand muss sie irgendwann tragen oder ihre Entwertung bezahlen.

Natürlich funktioniert eine moderne Wirtschaft nicht ohne Kredite. Aber wenn Schulden dauerhaft zum Grundmodell werden, verliert eine Gesellschaft irgendwann ihre finanzielle Stabilität und damit auch einen Teil ihrer nachhaltigen Wohlfahrt.


Du beobachtest das Schweizer und internationale Finanzsystem seit über sechs Jahrzehnten. Du hast erlebt, wie sich die Finanzwelt von den Nachkriegsjahren über die Globalisierung bis in die heutige Schulden- und Zentralbankära verändert hat. Wenn du auf diese Entwicklung blickst: Was unterschätzen Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit heute am meisten? Wo liegt aus deiner Sicht die eigentliche Verletzlichkeit unseres Finanzsystems?
Die grösste Verletzlichkeit liegt aus meiner Sicht im internationalen Schulden- und Finanzsystem selbst. Viele Staaten finanzieren ihre Defizite seit Jahren über immer neue Schulden. Gleichzeitig werden diese Schulden indirekt durch Zentralbanken, Pensionskassen und das globale Finanzsystem getragen. Das funktioniert so lange, wie das Vertrauen bestehen bleibt. Man darf nicht vergessen: Geld ist nicht einfach irgendein Gut unter vielen. Praktisch alle wirtschaftlichen Transaktionen basieren letztlich auf Vertrauen ins Geld und in das Finanzsystem. Wenn dieses Vertrauen ernsthaft beschädigt wird, betrifft das nicht nur Banken, sondern die gesamte Wirtschaft.

Deshalb bin ich beispielsweise sehr skeptisch gegenüber Banken, die «too big to fail» sind. Die UBS ist als «global systemrelevante Bank» für die Schweiz zu gross geworden. Fiele die UBS ernsthaft aus, hätte das potenziell Auswirkungen weit über die Schweiz hinaus. Das internationale Finanzsystem könnte Schaden nehmen. Dann ist das kein schweizerisches Thema mehr, sondern ein globales. Die Schweiz käme unter den Druck der USA und anderer grosser Länder, die der Schweiz diktieren würden, was sie jetzt zu tun hätte.

Ähnlich problematisch ist die globale Entwicklung der Staatsverschuldung. Viele Länder haben sich an permanente Defizite gewöhnt. Gleichzeitig scheint kaum jemand ernsthaft davon auszugehen, dass diese Schulden je zurückbezahlt werden. In den USA etwa bezahlt der Staat schon heute mehr für Schuldzinsen als für das gesamte Militärbudget. Das zeigt, wie tiefgreifend sich die Lage verändert hat. Natürlich wird das System nicht morgen zusammenbrechen. Es wird immer wieder Übergangslösungen geben. Aber der langfristige Trend ist aus meiner Sicht nicht nachhaltig. Das internationale Finanzsystem gehört heute zu den grössten strukturellen Risiken der Weltwirtschaft.


Und welche Rolle spielt in diesem Umfeld die Schweizerische Nationalbank? Viele Menschen sehen heute nur noch die enormen Bilanzsummen oder die Währungsinterventionen. Gleichzeitig scheint die SNB in einem global zunehmend instabilen Finanzsystem eine Art Stabilitätsanker geworden zu sein. Wie beurteilst du ihre Rolle?
Insgesamt macht die Nationalbank ihre Aufgabe aus meiner Sicht gut. Man darf nicht vergessen: Der Schweizer Franken wird nicht einfach stärker, weil die Schweiz alles besser macht, sondern oft auch deshalb, weil andere Währungen an Vertrauen verlieren. Die Nationalbank muss deshalb verhindern, dass der Franken zu schnell und zu stark aufwertet oder zu erratisch schwankt. Sonst wird es für exportorientierte Unternehmen irgendwann fast unmöglich zu kalkulieren. Darum interveniert die SNB am Devisenmarkt und hält grosse Bestände an Fremdwährungen. Das erklärt auch die enorme Bilanzsumme der letzten Jahre. Früher hatte die Nationalbank eine Bilanz von unter 100 Milliarden Franken, heute sind die Grössenordnungen völlig andere. Das wirkt auf viele Menschen zunächst befremdlich, ist aber letztlich eine Folge der internationalen Finanzlage.

Wichtig ist vor allem, dass die Nationalbank politisch unabhängig geblieben ist. In einer Welt, in der viele Währungen und Finanzsysteme zunehmend unter Druck geraten, profitiert die Schweiz weiterhin von Vertrauen, Stabilität und institutioneller Glaubwürdigkeit. Gerade deshalb fliesst in unsicheren Zeiten sehr viel Kapital in den Schweizer Franken und in die Schweiz.


Wenn man heute Orte wie Zug betrachtet, sieht man eine enorme Konzentration von Kapital, Holdings, Rohstofffirmen, Finanzgesellschaften und internationalen Investoren. Gleichzeitig fliesst immer mehr globales Kapital in den Schweizer Immobilienmarkt. Viele Menschen erleben das einerseits als Zeichen von Stabilität und Erfolg, andererseits steigen dadurch Bodenpreise und Wohnkosten massiv. Ist diese enorme Kapitalanziehung langfristig wirklich nur ein Vorteil, oder birgt sie auch Risiken für die Wohlfahrt und den gesellschaftlichen Zusammenhalt der Schweiz?
Natürlich birgt das auch Risiken. Die Schweiz gilt international als stabil, sicher und verlässlich. Deshalb fliesst Kapital aus der ganzen Welt hierher. Wenn ich selbst in einem politisch oder wirtschaftlich unsicheren Land leben würde und grössere Vermögen hätte, würde ich wahrscheinlich ebenfalls versuchen, Geld in der Schweiz anzulegen, sei es in Immobilien oder andere stabile Werte. Das Problem entsteht dort, wo sehr viel internationales Kapital auf einen kleinen und begrenzten Raum trifft. Dann steigen Bodenpreise und Immobilienpreise immer stärker an. Davon profitieren zwar Eigentümer und Investoren, gleichzeitig wird Wohnen für viele Menschen schwieriger und teurer. Die Schweiz muss deshalb aufpassen, dass sie ihre Stabilität nicht gerade durch ihren eigenen Erfolg untergräbt. Denn Wohlfahrt bedeutet eben nicht nur Kapitalzufluss und steigende Vermögenswerte, sondern auch die Frage, ob eine Gesellschaft für breite Teile der Bevölkerung langfristig lebbar bleibt.


Man könnte fast sagen: Die Schweiz steckt in einer Art Wohlstandsparadox. Gerade ihre Stabilität und Attraktivität ziehen immer mehr Kapital, Unternehmen und Menschen an. Das schafft Wohlstand und Dynamik, erzeugt aber gleichzeitig Wachstum, Flächendruck und steigende Belastungen. Gibt es aus deiner Sicht überhaupt einen Weg, wirtschaftlich erfolgreich zu bleiben, ohne dass die Lebensqualität und die räumlichen Grenzen der Schweiz zunehmend unter Druck geraten?
Das ist genau die grosse Herausforderung. Gleichzeitig lebt die Schweiz stark vom Wettbewerb, auch innerhalb des Landes. Der Wettbewerb zwischen Kantonen und Gemeinden gehört zu unseren grossen Stärken. Entscheidend sind dabei zwei Dinge: Wettbewerb und Transparenz. Wenn beides vorhanden ist, entstehen bessere Lösungen als in stark zentralisierten Systemen. Gerade der Föderalismus zwingt die Schweiz immer wieder dazu, effizient und innovativ zu bleiben. Das unterscheidet uns von vielen anderen Ländern. Aber natürlich bleiben die räumlichen und ökologischen Grenzen real. Deshalb muss die Schweiz sehr sorgfältig darauf achten, wie sie Wachstum, Lebensqualität und Nachhaltigkeit langfristig miteinander verbindet.


Ich komme zur letzten Frage, Hans. Wenn du die Wohlfahrt der Schweiz in einem einzigen Gedanken für die nächsten 30 Jahre zusammenfassen müsstest: Was müssen wir heute bewahren oder verändern, damit auch kommende Generationen noch die Chance auf ein ähnlich gutes Leben haben wie wir?
Wir müssen wieder stärker langfristig denken. Nachhaltigkeit bedeutet letztlich, bei politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen nicht nur an die Gegenwart zu denken, sondern auch an die Chancen unserer Kinder und Enkel. Entscheidend ist nicht, dass es unseren Kindern exakt gleich gut geht wie uns, sondern dass sie überhaupt noch die Möglichkeit haben, sich ein ähnlich gutes Leben aufzubauen. Dazu gehören stabile Institutionen, funktionierende Finanzen, soziale Stabilität und der sorgfältige Umgang mit unseren natürlichen Lebensgrundlagen. Und natürlich stellt sich dabei auch die Frage nach dem Verhältnis zwischen Bevölkerung, Raum und Ressourcen. Eine Gesellschaft kann nicht unbegrenzt wachsen, ohne irgendwann an ökologische, infrastrukturelle oder soziale Grenzen zu stossen.

Nachhaltige Wohlfahrt bedeutet deshalb letztlich Verantwortung gegenüber der Zukunft.

Gespräch und Redaktion: André Bégert, Geschäftsführer und Chefredaktor von ecologie suisse.