Wachstum als Therapie gegen Wachstum


Zwischen Fachkräftemangel, Wachstumslogik und Wohlfahrt stellt sich eine unbequeme Frage: Lässt sich die Überlastung eines Systems dauerhaft mit noch mehr Wachstum lösen?

Kaum ein Satz bringt die laufende Abstimmungskampagne emotionaler auf den Punkt. Auf den Plakaten sitzt ein älterer Mann im Rollstuhl, hinter einem Absperrband seine Pflegerin. Bundesrat Beat Jans warnt regelmässig: «Diese Initiative kann Ihre Gesundheit gefährden». Die Schweiz brauche künftig dringend mehr Pflegepersonal und mehr Ärztinnen und Ärzte, sonst drohten Versorgungslücken.

Diese Sorge ist nicht unbegründet. Die Schweiz ist heute tatsächlich in hohem Mass auf ausländische Fachkräfte angewiesen. In Spitälern und Pflegeheimen arbeiten zahlreiche Personen mit ausländischem Abschluss. Wer mit Ärzten, Pflegefachpersonen oder Heimleitungen spricht, spürt rasch die angespannte Lage. Viele Pflegefachpersonen klagen nicht über mangelnden Sinn in ihrer Arbeit, sondern über Erschöpfung. Sie verlassen den Beruf, obschon sie ihn lieben, weil sie unter den heutigen Bedingungen langfristig kaum mehr durchhalten.

Ein genauer Blick auf die Zahlen lohnt sich

Die zentrale Frage lautet nicht, ob die Schweiz Pflegepersonal braucht. Natürlich braucht sie es. Die eigentliche Frage ist vielmehr, ob sich die Probleme eines überlasteten Systems mit weiterem Wachstum lösen lassen.

Die Zahlen des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums Obsan zeigen ein differenziertes Bild. 2025 wanderten rund 1’100 Pflegefachpersonen neu ein. Bei den Ärztinnen und Ärzten lagen die Zahlen zuletzt bei etwa 1’800 bis 2’000 pro Jahr, zusammen also rund 3’000 Personen. Das Staatssekretariat für Migration nennt für das gesamte Gesundheitswesen – von Physiotherapie über Röntgen- und Laborpersonal bis hin zu technischem und administrativem Personal – jährlich rund 6’000 zugewanderte Arbeitskräfte.

Gleichzeitig kamen 2024 rund 94’000 Erwerbstätige neu auf den Schweizer Arbeitsmarkt. Der Anteil der Gesundheitsfachkräfte liegt damit bei nur wenigen Prozent. Rund 97 Prozent der neu Eingewanderten arbeiten weder in der Pflege noch als Ärzte.

Das widerlegt die Warnungen vor einem Kollaps des Gesundheitswesens nicht vollständig. Es relativiert sie jedoch deutlich.

Denn selbst bei einer spürbaren Reduktion der Nettozuwanderung wäre es zahlenmässig problemlos möglich, die wirklich dringend benötigten Fachkräfte weiterhin aufzunehmen. Entscheidend ist nicht, ob Zuwanderung stattfindet, sondern welche Form priorisiert wird.

Genau hier beginnt die tiefere Debatte.

Die Schweiz scheint zunehmend in eine eigentümliche Wachstumslogik geraten zu sein: Mehr Bevölkerung erzeugt mehr Wohnungsbedarf, mehr Verkehr, mehr Infrastrukturbedarf, höhere Gesundheitskosten und mehr Pflegebedarf. Um diese Folgen zu bewältigen, soll wiederum mehr Zuwanderung, mehr Bautätigkeit und mehr Wachstum helfen. Wachstum wird damit zur Therapie gegen die eigenen Folgen, ein Kreislauf, der sich selbst immer weiter antreibt.

Nicht jedes Wachstum löst Probleme. Manche Formen des Wachstums erzeugen lediglich neue.

Gerade im Gesundheitswesen wird dieses Muster sichtbar. Dabei gehört die Schweiz bereits heute zu den Ländern mit der höchsten Pflegedichte Europas. Rund 18,8 Pflegefachpersonen kommen hierzulande auf 1’000 Einwohner. Deutschland liegt bei 12,25, die Niederlande bei 11,11 und Schweden bei 10,97. Auch bei den Vollzeitäquivalenten liegt die Schweiz mit rund 1’993 Pflege-Vollzeitstellen pro 100’000 Einwohner europaweit an der Spitze.

Die Schweiz leidet also offensichtlich nicht an einem Mangel an Pflegepersonal im europäischen Vergleich. Sie leidet vielmehr an der Schwierigkeit, ein hochkomplexes Versorgungssystem dauerhaft stabil zu organisieren.

Trotzdem herrscht vielerorts das Gefühl eines permanenten Mangels. Warum?

Weil das Problem nicht allein in der Anzahl der Köpfe liegt. Hohe Teilzeitquoten, administrative Belastung, Burnout, unattraktive Schichtmodelle und eine immer komplexere Versorgungslandschaft führen dazu, dass viele Fachpersonen ihr Pensum reduzieren oder den Beruf ganz verlassen. Das ist kein reines Mengenproblem. Es ist ebenso ein Organisations-, Kultur- und Nachhaltigkeitsproblem.

Eine Gesellschaft kann nicht jedes strukturelle Problem einfach mit zusätzlicher Zuwanderung lösen. Irgendwann stellt sich zwangsläufig die Frage nach der Tragfähigkeit des Gesamtsystems. Mehr Menschen bedeuten zunächst mehr Nachfrage nach Wohnraum, Energie, Verkehr, Schulen, Pflegeplätzen und Infrastruktur, nicht automatisch mehr Wohlfahrt.

Interessanterweise spricht die Bundesverfassung selbst nicht primär vom Wirtschaftswachstum, sondern von der «gemeinsamen Wohlfahrt» und der «nachhaltigen Entwicklung». Das ist ein bemerkenswerter Unterschied. Die Wirtschaft ist Mittel, nicht Zweck.

Gerade deshalb müsste die Schweiz lernen, differenzierter über Wachstum zu sprechen. Nicht jede Form zusätzlicher Nachfrage erhöht automatisch die Wohlfahrt der Gemeinschaft. Und nicht jede Kritik an unbegrenztem Wachstum ist ein Angriff auf das Gesundheitswesen. Im Gegenteil.

Eine nachhaltige Gesundheitspolitik müsste heute mindestens drei Dinge gleichzeitig tun: gezielt jene Fachkräfte aufnehmen, die tatsächlich benötigt werden, die Arbeitsbedingungen substanziell verbessern und die inländische Ausbildung sowie die Rückkehr ehemaliger Pflegekräfte deutlich stärken.

Dazu gehören weniger Bürokratie, verlässlichere Arbeitszeiten und attraktivere Karriere- und Vollzeitmodelle. Denn viele Probleme des Gesundheitswesens entstehen nicht allein durch zu wenig Personal, sondern auch durch die Art, wie das System organisiert ist.

Natürlich birgt eine stärkere Steuerung der Zuwanderung Risiken. Bestimmte Branchen könnten stärker unter Fachkräftemangel leiden. Übergänge müssten sorgfältig gestaltet werden. Doch genau deshalb braucht es keine ideologische, sondern eine nüchterne Diskussion über Prioritäten.

Denn letztlich geht es um eine einfache, aber entscheidende Frage:

Welche Form der Entwicklung stärkt langfristig die Wohlfahrt der Schweiz?

Vielleicht besteht Fortschritt nicht darin, immer grösser zu werden, sondern wieder mehr Mass zu finden. Eine reife Gesellschaft erkennt irgendwann den Unterschied zwischen Wachstum und Entwicklung.


Pflegefachpersonen Europa 2023

Ausgewählte Länder, pro 1’000 Einwohner

Schweiz
18,8
Norwegen
15,57
Luxemburg
14,25
Finnland
12,67
Deutschland
12,25
Niederlande
11,11
Schweden
10,97
Dänemark
10,48
Tschechien
8,96
Italien
6,86
Spanien
5,88
Ungarn
5,54
Bulgarien
4,43
Quelle: Statista · Anzahl praktizierender Pflegefachpersonen in ausgewählten Ländern 2023 (pro 1’000 Einwohner)

Wo werden zugewanderte Arbeitskräfte eingesetzt?

Neue Erwerbstätige in der Schweiz nach Branchen · 2024

Planung, Beratung, Informatik
23’000
Gastgewerbe
13’600
Gesundheitswesen
6’000
Unterrichtswesen
5’900
Quelle: Staatssekretariat für Migration (SEM), Erwerbszuwanderung 2024 · Darstellung ecologie suisse.

Die Grafik zeigt: Der grösste Teil der Erwerbszuwanderung entfällt nicht auf Pflege oder Medizin, sondern auf andere Wirtschaftsbereiche. Das Gesundheitswesen macht nur einen vergleichsweise kleinen Teil der gesamten arbeitsbezogenen Zuwanderung aus.

Viele Köpfe, weniger Vollzeit

Beschäftigte und reale Vollzeitkapazität im Schweizer Gesundheitswesen

Pflege- und Betreuungspersonal
Durchschnittspensum: ca. 68 %
Personen
230’000
Vollzeitäquivalente
156’000
Umfasst Spitäler und Kliniken, Alters- und Pflegeheime sowie die ambulante Pflege.
Ärztinnen und Ärzte
Durchschnittspensum 2024: 8.6 Halbtage pro Woche
2000
25’216
2024
42’602
Zunahme
+69 %
Die Zahl der Ärztinnen und Ärzte ist seit 2000 stark gestiegen. Gleichzeitig sank das durchschnittliche Arbeitspensum von 8.9 Halbtagen pro Woche vor zehn Jahren auf 8.6 Halbtage im Jahr 2024.
Quellen: BFS, Obsan, FMH, facts4future · Pflege- und Betreuungspersonal: rund 230’000 Beschäftigte und ca. 156’000 Vollzeitäquivalente. Ärzteschaft: 25’216 Ärztinnen und Ärzte im Jahr 2000, 42’602 im Jahr 2024, Zunahme um 69 %. Darstellung ecologie suisse.

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