Was Helsinki über Naturschutz, Stadtplanung und unbeabsichtigte Folgen lehrt. Und weshalb die Schweiz gut beraten ist, jetzt hinzuschauen.
Helsinki im Sommer 2026. Täglich entfernen Reinigungsteams Kiloweise Gänsekot von öffentlichen Grünflächen. Auf Velowegen weichen Passanten aggressiv auftretenden Gänsen aus, an den Stränden gehören grosse Bereiche längst den Vögeln. Die Weisswangengans hat sich in der finnischen Hauptstadt stark ausgebreitet und stellt die Behörden vor ein Problem, für das es bisher keine überzeugende Lösung gibt.
Ein Erfolg des Naturschutzes
Die Weisswangengans, in Finnland Valkoposkihanhi, war vor wenigen Jahrzehnten stark bedroht. Dank konsequentem Schutz haben sich ihre Bestände hervorragend erholt. Allein im Stadtgebiet von Helsinki leben heute rund 5’300 Tiere.
Was ursprünglich ein Erfolg des Naturschutzes war, entwickelt sich zunehmend zu einer Herausforderung. Die Tiere haben ihre Scheu vor Menschen weitgehend verloren, vermehren sich erfolgreich und besiedeln Parks, Liegewiesen und Badeplätze.
Mittlerweile beschäftigt das Thema auch die Politik. Der finnische Ministerpräsident Petteri Orpo setzt sich in Brüssel für mehr Handlungsspielraum bei der EU-Vogelschutzrichtlinie ein. Ziel ist nicht die Abschaffung des Schutzes, sondern die Möglichkeit, lokal überhöhte Bestände regulieren zu können.
Fast alles wurde ausprobiert
Die Stadt Helsinki hat in den vergangenen Jahren zahlreiche Massnahmen getestet:
- Raubvogelrufe über Lautsprecher
- Gaskanonen und Sirenen
- Falkendrachen
- Laseranlagen
- Drohnen
- Hundepatrouillen
Einzelne Methoden wirken kurzfristig. Dauerhaft konnte jedoch keine den Bestand wirksam reduzieren. Die Tiere gewöhnen sich erstaunlich schnell an neue Störungen.
Wenn Schutz zum Zielkonflikt wird
Der Fall Helsinki zeigt ein grundsätzliches Problem. Naturschutz endet nicht mit dem erfolgreichen Schutz einer Art. Ebenso wichtig ist die Frage, wie mit einer Art umgegangen wird, wenn sich ihre Population über Jahrzehnte stark entwickelt.
Darüber zu diskutieren bedeutet nicht, den Naturschutz infrage zu stellen. Im Gegenteil. Erfolgreicher Naturschutz braucht die Bereitschaft, Entwicklungen regelmässig zu überprüfen und wenn nötig Anpassungen vorzunehmen. Starre Regelungen werden den Veränderungen in Natur und Gesellschaft oft nicht gerecht.
Hinzu kommen weitere Faktoren. Mildere Winter, fehlende natürliche Feinde in Städten und das Füttern von Wasservögeln schaffen ideale Bedingungen für wachsende Bestände.
Die Schweiz kennt das Problem bereits
Auch in der Schweiz sind ähnliche Entwicklungen zu beobachten. In Luzern haben Graugänse seit Anfang 2026 grosse Teile der Tribschenbadi dauerhaft besetzt. Die Tiere stehen unter Schutz und das Gebiet liegt zusätzlich in einem kantonalen Wildschutzgebiet.
Nach Angaben der Vogelwarte Sempach nehmen die Graugansbestände seit Jahren zu. An Luzerner Badeplätzen wurden 2025 erstmals mehr als 50 Tiere gleichzeitig gezählt.
Die Frage lautet deshalb nicht, ob weitere Seen betroffen sein werden. Wahrscheinlicher ist, dass ähnliche Diskussionen künftig auch am Zürichsee, Bodensee oder Genfersee geführt werden.
Was jetzt nötig wäre
Aus der Sicht von ecologie suisse braucht es drei Dinge.
Erstens müssen Schutzbestimmungen regelmässig überprüft werden. Arten mit stabilen oder stark wachsenden Beständen benötigen andere Instrumente als akut bedrohte Arten.
Zweitens sollten Parks und Uferzonen so gestaltet werden, dass sie für grosse Gänsepopulationen weniger attraktiv sind. Dazu gehören naturnähere Ufer, weniger intensiv gepflegte Rasenflächen und konsequente Fütterungsverbote.
Drittens braucht es Ehrlichkeit in der Debatte. Wo Populationen dauerhaft aus dem Gleichgewicht geraten, müssen auch Massnahmen zur Bestandsregulierung diskutiert werden. Dazu gehören je nach Situation das Verhindern des Bruterfolgs oder dort, wo das Recht es zulässt, eine kontrollierte Regulierung der Bestände.
Naturschutz braucht Augenmass
Helsinki zeigt eindrücklich, dass erfolgreicher Naturschutz neue Herausforderungen mit sich bringen kann. Arten zu schützen ist richtig. Ebenso wichtig ist jedoch, ihre Entwicklung laufend zu beobachten und bei Bedarf angemessen zu reagieren.
Wer Naturschutz langfristig glaubwürdig gestalten will, braucht deshalb nicht nur klare Schutzbestimmungen, sondern auch den Mut, erfolgreiche Konzepte weiterzuentwickeln.
Quellen: NZZ (2. und 6. August 2025), New York Times (29. Juli 2025), Kurier, Zentralplus (21. März 2026), Vogelwarte Sempach.
quellenangaben
- The New York Times – Berichterstattung zur Weisswangengans in HelsinkiHintergrundbericht über die starke Ausbreitung der Weisswangengans in Helsinki, die Auswirkungen auf den öffentlichen Raum sowie die politischen Diskussionen in Finnland.
- Neue Zürcher Zeitung (NZZ)Berichte über die Situation in Helsinki, die EU-Vogelschutzrichtlinie sowie die Forderungen nach einer flexibleren Regulierung wachsender Gänsebestände.
- Finnisches Ministerium für UmweltInformationen zum Schutzstatus der Weisswangengans, zum Wildtiermanagement sowie zur Umsetzung der europäischen Vogelschutzrichtlinie in Finnland.
- Europäische Kommission – Birds Directive (Vogelschutzrichtlinie)Offizielle Informationen zur EU-Vogelschutzrichtlinie, zum Schutz wildlebender Vogelarten sowie zu den Möglichkeiten von Ausnahmeregelungen.
- Schweizerische Vogelwarte SempachDaten zur Entwicklung der Graugans- und Weisswangengansbestände in der Schweiz sowie fachliche Einschätzungen zur Populationsentwicklung.
- ZentralplusBericht über die Graugänse in der Tribschenbadi Luzern und die zunehmenden Nutzungskonflikte an Schweizer Badeplätzen.
- Bundesgesetz über die Jagd und den Schutz wildlebender Säugetiere und Vögel (JSG)Rechtsgrundlagen zum Schutz wildlebender Vogelarten sowie zu möglichen Bestandsregulierungen in der Schweiz.
- Bundesamt für Umwelt (BAFU)Informationen zum Wildtiermanagement, zu Wasservögeln sowie zum Umgang mit geschützten Arten und Mensch-Wildtier-Konflikten.
- Stadt HelsinkiInformationen über die Massnahmen der Stadt gegen wachsende Gänsebestände sowie über Reinigungskosten und Managementprogramme im öffentlichen Raum.
- International Union for Conservation of Nature (IUCN)Hintergrundinformationen zum erfolgreichen Schutz der Weisswangengans sowie zu internationalen Grundsätzen eines adaptiven Wildtiermanagements.



