Die Basler Architektin Barbara Buser setzt sich seit Jahrzehnten für den Erhalt bestehender Gebäude und eine Baukultur der Weiterverwendung ein. Statt Abriss und Neubau plädiert sie dafür, Materialien möglichst lange im Kreislauf zu halten und die in Gebäuden gespeicherte graue Energie zu bewahren. Für sie ist nachhaltiges Bauen keine Modeerscheinung, sondern eine Frage des verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen. Im Gespräch erklärt sie, weshalb der Abriss funktionierender Häuser oft die schlechteste Lösung ist und warum die Zukunft des Bauens stärker im Weiterbauen als im Neubauen liegen könnte.
Barbara, gab es einen Moment in deinem Leben, in dem du wusstest: Ich will nachhaltig leben und bauen?
Schon während meines Studiums bin ich viel gereist. Mein erstes Haus habe ich unter sehr einfachen Bedingungen im Emmental gebaut. Die Baumstämme kamen direkt aus dem Wald, wurden von Bauern geschlagen und auf einer einfachen Säge zugeschnitten. Zwei Jahre vorher musste ich die Masse angeben. Die Nachbarn halfen mit – selbstverständlich. Niemand schrieb auf, wer wie viele Tage gearbeitet hatte. Man wusste es einfach. Diese Erfahrung hat mich geprägt. Besonders aber auch meine Jahre in Afrika. Dort baut man mit dem, was vorhanden ist: Schilf, Bambus, Lehm. Und man merkt sehr schnell, dass Ressourcen begrenzt sind. Geld ist knapp, Material ebenfalls. Alles muss gut überlegt sein. Als ich später in die Schweiz zurückkam, hatte ich ehrlich gesagt Mühe mit unserem Überfluss. Mit der riesigen Menge an Material, die wir wegwerfen. Gleichzeitig wusste man damals schon aus wissenschaftlichen Berichten, dass die Ressourcen unseres Planeten begrenzt sind. Ich fragte mich deshalb: Was kann ich in meinem eigenen Bereich, der Bauwirtschaft tun?
Daraus entstand die Idee der Bauteilbörsen?
Genau. Bei Abbrüchen fallen enorme Mengen an Bauteilen an: Fenster, Türen, Lavabos, Lampen oder Lichtschalter. Oft sind diese Teile noch vollkommen in Ordnung. Trotzdem werden sie entsorgt. Wir begannen deshalb, solche Bauteile zu sammeln, aufzubereiten und weiterzugeben. Zuerst über das Internet. Doch viele Bauherren hatten Respekt: Was, wenn das Material beschädigt ist, wenn man es nicht physisch inspizieren kann? Deshalb entstanden später physische Bauteilbörsen. Diese Börsen funktionieren seit über dreissig Jahren an verschiedenen Orten in der Schweiz. Sie zeigen, dass Wiederverwendung durchaus praktikabel ist. Heute spricht man von Kreislaufwirtschaft. Aber im Grunde ist es ein einfacher Gedanke: In jedem Bauteil steckt Material, Arbeit und Energie. Wenn wir es wiederverwenden, bleibt diese Energie erhalten.
In einem Gebäude steckt viel Energie – nicht nur im Betrieb, sondern auch in seiner Herstellung.
Diese Herstellungsenergie nennt man graue Energie. Wenn ein Gebäude abgerissen wird, geht sie vollständig verloren. Nach fünfzig oder sechzig Jahren hat sich diese Energie meist amortisiert. Danach beginnt eigentlich die «gute Zeit» eines Gebäudes. Es kann oft noch weitere hundert Jahre genutzt werden. Wenn man dagegen abreisst und neu baut, beginnt diese Rechnung wieder bei null. Viele Menschen vergleichen nur den Energieverbrauch im Betrieb. Ein neues Gebäude braucht vielleicht weniger Heizenergie. Aber wenn man die Herstellungsenergie einbezieht, schneidet die Weiterverwendung bestehender Gebäude häufig deutlich besser ab.
Neubauten gelten oft als besonders effizient.
Ja, aber diese Rechnung ist unvollständig. Der Bau eines Hauses verschlingt enorme Mengen Energie und Material. Beton, Stahl, Dämmstoffe – all das muss produziert werden. Wenn man diese Herstellungsenergie berücksichtigt, relativiert sich der Vorteil vieler Neubauten. In vielen Fällen wäre es ökologisch sinnvoller, bestehende Gebäude zu sanieren und weiterzuverwenden. Natürlich braucht es auch neue Gebäude. Aber die erste Frage sollte immer sein: Was steht bereits da? Was kann erhalten werden?
Viele Gebäude aus den letzten Jahrzehnten müssen bereits wieder saniert werden.
Das überrascht mich nicht. In den 1990er-Jahren setzten sich Bauweisen mit aufgeklebten Dämmmaterialien durch. Heute sind viele dieser Fassaden dreissig oder vierzig Jahre alt und müssen bereits ersetzt werden. Das bedeutet enorme Mengen an Material und Entsorgungsaufwand. Gleichzeitig zeigt sich, dass das vermeintlich „wartungsfreie“ Haus eine Illusion ist. Jedes Gebäude braucht Unterhalt. Viele ältere Häuser besitzen dagegen robuste Konstruktionen, etwa klassische Giebeldächer. Wenn das Dach gut ist, kann ein Haus sehr lange bestehen. Es altert, aber es zerfällt nicht.
Wenn man heute viele Neubauten anschaut, fällt auf, wie austauschbar sie geworden sind. Immer dieselben Grundrisse, dieselben Fassaden, dieselben riesigen Fenster. Transparenz bis zum Boden – und danach hängen die Leute Vorhänge auf, weil niemand dauerhaft im Schaufenster leben möchte. Bauen ist mehr als Quadratmeter und Rendite. Es hat mit Atmosphäre, mit Identität und auch mit Schönheit zu tun. Gebäude prägen das Bild eines Ortes und beeinflussen, ob Menschen sich dort gerne aufhalten oder nicht. Wenn Architektur nur noch standardisiert wird, verliert ein Ort seine Eigenart.
Welche Rolle spielen dabei die heutigen Bauvorschriften?
Sie haben einen grossen Einfluss. Wenn eine Bauordnung sagt, dass man eine bestimmte Höhe ausnutzen darf, dann wird sie meist auch vollständig ausgereizt – zentimetergenau. Der Spielraum für Grosszügigkeit oder gestalterische Qualität wird dadurch oft kleiner. Schau einmal aus dem Fenster: Das Geschäftshaus auf der anderen Strassenseite haben wir renoviert. Es wurde 1929 gebaut. Die Fassade hat eine gewisse Leichtigkeit, und im Erdgeschoss gibt es eine Arkade. Diese schafft Raum und Tiefe im Strassenraum. Menschen können darunter sitzen, sich begegnen, kurz verweilen. Daneben steht ein Gebäude aus den 1980er-Jahren. Die Fassade ist völlig flach. Vorne sieht man direkt die Einfahrt zur Tiefgarage. Daneben ein Laden mit einem lieblosen Eingang. Solche Gebäude funktionieren vielleicht technisch, aber sie tragen wenig zur Qualität eines Ortes bei. Beim älteren Gebäude ist das anders. Der Eingang ist klar gestaltet, es gibt Licht, Proportion und eine gewisse Würde. Oben haben wir eine Dachbegrünung angelegt, mit einer Pergola und einem kleinen Aufenthaltsbereich. Die Menschen, die dort arbeiten, können in der Mittagspause hinausgehen. Solche Dinge machen einen Unterschied.
Ästhetik ist also mehr als eine Frage des Geschmacks?
Ja. Gute Architektur erkennt man daran, dass sie angenommen wird. Menschen fühlen sich an einem Ort wohl oder eben nicht. Das hat viel mit Proportionen, Materialien und Atmosphäre zu tun. Im Studium lernen junge Architektinnen und Architekten viel über Entwurf und Gestaltung. Daran fehlt es nicht. Die Realität draussen sieht jedoch oft anders aus. Dort dominieren Renditevorgaben, Ausnützungsziffern und Quadratmeteroptimierung. Jeder Zentimeter wird berechnet. Jede Grosszügigkeit kostet Fläche – und Fläche bedeutet Geld. Viele junge Kolleginnen und Kollegen leiden darunter. Sie sind mit Idealismus ins Studium gegangen und merken später, wie stark wirtschaftliche Logiken das Bauen prägen. Nicht das Bauen selbst enttäuscht sie, sondern die Rahmenbedingungen.
Gleichzeitig wird Wohnraum zunehmend auch als Anlage betrachtet.
Ja, das spielt eine grosse Rolle. Ein grosser Teil der Bevölkerung lebt in der Schweiz zur Miete. Damit fliessen grosse Geldströme in den Wohnungsmarkt. Wenn Wohnungen zu Kostenmieten vermietet werden – etwa bei Genossenschaften – sind sie häufig deutlich günstiger. Das zeigt, wie stark wirtschaftliche Mechanismen den Wohnungsmarkt prägen. Es geht hier nicht um moralische Fragen, sondern um Strukturen. Wohnen ist ein Grundbedürfnis. Wenn darauf systematisch Renditen aufgebaut werden, hat das Auswirkungen auf die Gesellschaft.
Nachhaltiges Bauen betrifft also nicht nur Architektur?
Genau. Es geht um Ressourcen. Um Material, Energie und Boden. Wenn wir Gebäude abbrechen, vernichten wir nicht nur Material, sondern auch die Arbeit und Energie, die darin steckt. Die billigste Energie ist oft diejenige, die gar nicht erst verbraucht wird. Dieser Gedanke ist eigentlich nicht neu. Trotzdem tun wir uns schwer damit, ihn konsequent umzusetzen.
Wenn wir den Blick etwas nach vorne richten: Wohin entwickelt sich das Bauen in den nächsten Jahrzehnten? Und vielleicht noch grundsätzlicher gefragt – wohin steuert unsere Gesellschaft, wenn wir so weitermachen wie bisher?
Ich glaube, wir überfordern die Welt. Wir verbrauchen Ressourcen, als hätten wir zwei oder drei Planeten zur Verfügung. Das kann auf Dauer nicht funktionieren. Irgendwann wird uns diese Rechnung einholen. Vielleicht spüren wir das in der Schweiz noch weniger stark als andere Regionen. Aber die Zeichen sind da. Politische Initiativen werden abgelehnt, Entscheidungen werden immer wieder verschoben. Vorschriften allein lösen das Problem nicht, wenn die grundlegende Haltung gleichbleibt. Ich bin ehrlich gesagt ziemlich pessimistisch. Wir haben viele Chancen verpasst. Ein wirklicher Kurswechsel passiert nicht einfach nebenher. Dafür müssten wir unser Denken über Wachstum, Ressourcen und Wohlstand grundlegend hinterfragen.
Gleichzeitig sieht man bei vielen jungen Menschen ein wachsendes Bewusstsein für diese Fragen.
Ja, das stimmt. Ich habe kurz an der ETH unterrichtet, und dort habe ich viele Studierende erlebt, die sehr sensibel auf diese Themen reagieren. Viele wollen nicht einfach weiterbauen wie bisher. Sie suchen nach anderen Wegen. Ich sage ihnen immer: Entwickelt eure eigenen Projekte. Wartet nicht darauf, dass euch jemand eine perfekte Stelle anbietet. Wenn ihr eine Idee habt, versucht sie umzusetzen. Ich helfe gerne, aber ich kann natürlich nicht alle beschäftigen.
Ich habe in meinem Leben über zwanzig Firmen gegründet, oft gemeinsam mit jüngeren Menschen. Das letzte Unternehmen gründete ich vor wenigen Wochen. Man muss ihnen Raum geben, ihre eigenen Wege zu gehen. Und man muss da sein, für sie, wenn es schwierig wird.
Das klingt trotz allem nicht ganz hoffnungslos
Nein, hoffnungslos ist es nicht. Veränderungen entstehen selten von oben. Sie entstehen meist dort, wo Menschen beginnen, Dinge anders zu machen. Es wird sicher nicht mehr meine Generation sein, die den grossen Wandel vollzieht. Aber ich glaube, dass die übernächste Generation vieles in Bewegung bringen kann. Und wenn wir ihnen zuhören und sie unterstützen, dann entsteht vielleicht tatsächlich eine andere Baukultur – eine, die Ressourcen respektiert und langfristig denkt.
Gespräch und Redaktion: André Bégert, Geschäftsführer und Chefredaktor von ecologie suisse.
Das nachhaltigste Gebäude kann eines sein, das schon steht.
Die Basler Architektin Barbara Buser stellt eine einfache Frage an den Anfang jedes Bauprojekts: Muss wirklich abgerissen werden? Denn im Bestand stecken Material, Arbeit, Energie und Geschichte.
Gebäude nicht zuerst als Hindernis betrachten, sondern als vorhandene Ressource.
Bestehende Strukturen weiterentwickeln, statt ihre gespeicherte Energie zu vernichten.
Fenster, Türen, Leuchten und andere Bauteile können ein zweites Leben erhalten.
Gut erhaltene Bauteile müssen nicht zu Abfall werden. Wiederverwendung verlängert ihre Lebensdauer und hält Ressourcen im Kreislauf.
In jedem Gebäude steckt Energie aus Herstellung, Transport und Bau. Beim Abriss geht ein erheblicher Teil dieses bereits geleisteten Aufwands verloren.
Vor einem Neubau sollte geprüft werden, welche Qualitäten des bestehenden Gebäudes erhalten und weiterentwickelt werden können.
Architektur besteht nicht nur aus Quadratmetern. Proportionen, Materialien und Geschichte prägen die Identität eines Ortes.
Barbara Buser gründet in Basel die Bauteilbörse mit. Der damals ungewöhnliche Gedanke ist heute ein Schlüsselbegriff nachhaltigen Bauens: Wiederverwendung und Kreislaufwirtschaft.
quellenangaben
- Barbara Buser – Gespräch mit ecologie suisse Persönliches Gespräch von Barbara Buser mit André Bégert in ihrem Büro im Gundeldingerquartier in Basel, 2026. Primärquelle für die im Interview wiedergegebenen Aussagen, Einschätzungen und persönlichen Erfahrungen.
- Barbara Buser – Film Website zum Dokumentarfilm über Barbara Buser und ihr Engagement für die Wiederverwendung von Bauteilen, den Erhalt bestehender Gebäude und eine ressourcenschonende Baukultur. Der Film gibt Einblick in ihre Arbeit und ihre Haltung zum Weiterbauen mit dem Bestand.
- Bundesamt für Umwelt (BAFU) – Vorbereitung zur Wiederverwendung Grundlagen zur Wiederverwendung und Kreislaufwirtschaft. Das BAFU behandelt unter anderem die direkte Wiederverwendung gebrauchter Produkte und Bauteile als Möglichkeit, Ressourcen zu schonen und Abfälle zu vermeiden.
- Bundesforschung – Re-Use auf dem Weg zum Netto-Null-Ziel bei Gebäuden Forschungsprojekt zum Potenzial der Wiederverwendung von Bauteilen zur Reduktion grauer Energie und grauer Treibhausgasemissionen. Untersucht werden Strategien, mit denen bestehende Gebäude und Bauteile möglichst lange genutzt und Ressourcen im Kreislauf gehalten werden können.
- KBOB – Ökobilanzdaten im Baubereich Schweizer Datengrundlage zur Bewertung der Umweltwirkungen von Baumaterialien, Gebäudetechnik, Energiebereitstellung, Transport und Entsorgung. Die Daten dienen unter anderem der Berechnung der grauen Energie und der Treibhausgasemissionen von Bauwerken über ihren Lebenszyklus.
- ETH Zürich – Barbara Buser: Wiederverwendung Barbara Busers Lehrtätigkeit am Departement Architektur der ETH Zürich beschäftigte sich mit Wiederverwendung, Rückbau und der Entwicklung architektonischer Lösungen aus bereits vorhandenen Bauteilen und Materialien.
- Bundesamt für Kultur – Prix Meret Oppenheim 2020 Barbara Buser und Eric Honegger wurden 2020 mit dem Schweizer Grand Prix Kunst / Prix Meret Oppenheim im Bereich Architektur ausgezeichnet. Gewürdigt wurde damit ihr langjähriges Wirken für eine andere Form des Umgangs mit Gebäuden, Materialien und städtischen Räumen.
- Bundesamt für Umwelt (BAFU) – Wohnen und Umwelt Hintergrund zu den Umweltwirkungen des Bauens und Wohnens sowie zu möglichen Ansätzen für einen ressourcenschonenderen Gebäudebestand. Umbau, Weiterentwicklung und effiziente Nutzung bestehender Gebäude spielen dabei eine zentrale Rolle.



