Die Schweiz wächst – aber weiss der Bund, wie schnell?


Die Schweiz wächst, doch der Bund lag mit seinen Bevölkerungsszenarien wiederholt zu tief. Wie treffsicher sind die neuen Prognosen und weshalb spricht einiges dafür, dass die Zehn-Millionen-Marke früher fällt als heute angenommen?

Die Schweiz dürfte in den kommenden Jahren die Marke von zehn Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern erreichen. Wann genau, weiss allerdings niemand. Auch das Bundesamt für Statistik nicht.

Das ist keine Kritik am BFS, sondern zunächst eine simple Feststellung. Das Amt sagt es selbst ziemlich unmissverständlich: «Genau kann dies niemand sagen.» Deshalb veröffentlicht es keine eigentliche Prognose, sondern alle fünf Jahre mehrere Szenarien. Sie sollen zeigen, wie sich die Bevölkerung unter unterschiedlichen Annahmen entwickeln könnte. (⁠bevoelkerungsszenarien.bfs.admin.ch)

In der öffentlichen Diskussion geht diese feine Unterscheidung allerdings gerne verloren. Aus einem Szenario wird eine Prognose, aus einer Prognose eine Zahl und aus der Zahl schliesslich eine Gewissheit: Die Schweiz werde um 2040 zehn Millionen Einwohner haben. Aber so einfach ist es nicht.

Drei Szenarien für eine ungewisse Zukunft

Für die Jahre 2025 bis 2055 rechnet das BFS mit drei Grundszenarien: einem tiefen, einem hohen und einem Referenzszenario.

Im Referenzszenario wächst die ständige Wohnbevölkerung von rund 9,1 Millionen im Jahr 2025 auf 10,47 Millionen im Jahr 2055. Das entspricht über den gesamten Zeitraum einem durchschnittlichen Wachstum von rund 0,5 Prozent pro Jahr.

Allerdings verläuft dieses Wachstum keineswegs gleichmässig. Für 2035 rechnet das BFS mit 9,75 Millionen Menschen, für 2045 mit 10,16 Millionen. Irgendwo dazwischen fällt also die Zehn-Millionen-Marke. (⁠BFS Dam API)

Das hohe Szenario führt bis 2055 zu rund 11,7 Millionen, das tiefe zu rund 9,3 Millionen Einwohnerinnen und Einwohnern. Im tiefen Szenario beginnt die Bevölkerung ab 2043 sogar wieder zu schrumpfen. (⁠bevoelkerungsszenarien.bfs.admin.ch)

Das ist eine bemerkenswert grosse Spannweite. Zwischen 9,3 und 11,7 Millionen liegen 2,4 Millionen Menschen – ungefähr dreimal die heutige Bevölkerung des Kantons Zürich.

Oder anders gesagt: Die Szenarien sind präzise gerechnet. Die Zukunft hält sich deswegen noch lange nicht daran.

Das Problem ist nicht das Modell

Das BFS macht im Grunde genau das, was man von einem statistischen Amt erwarten darf. Es definiert Annahmen über Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Migration und berechnet daraus unterschiedliche Entwicklungen. Das Problem beginnt eher dort, wo aus diesen Szenarien politische Gewissheiten werden.

Denn in Bundesverwaltung, Medien und Politik wird besonders gerne das Referenzszenario verwendet. Die beiden anderen Varianten verschwinden häufig in Fussnoten, Grafiken oder Anhängen.

Genau das hat bereits die Parlamentarische Verwaltungskontrolle (PVK) untersucht. Ihre Evaluation von 2018 kam zum Ergebnis, dass sich Bundesämter bei ihrer Arbeit fast ausschliesslich auf das mittlere Szenario stützten. Die Geschäftsprüfungskommission des Ständerates sah darin ausdrücklich einen Schwachpunkt und empfahl, systematischer zu prüfen, welches Szenario für welchen Zweck sinnvoll ist.

Denn «Referenzszenario» bedeutet nicht: So wird es kommen. Es bedeutet: Unter diesen Annahmen würde es ungefähr so kommen. Das ist ein kleiner sprachlicher Unterschied mit ziemlich grossen Folgen.

Die Vergangenheit mahnt zur Vorsicht

Noch interessanter wird es, wenn man frühere Szenarien mit der tatsächlichen Entwicklung vergleicht. Auch das hat die PVK getan. Ihr Befund war eindeutig: Seit der Jahrtausendwende hat das BFS die Bevölkerungsentwicklung mehrheitlich unterschätzt. Besonders schwierig erwies sich die Migration. Laut PVK wurde sie seit 2000 im Durchschnitt um rund 40 Prozent unterschätzt.

Das bedeutet nicht, dass die Statistiker schlecht gerechnet hätten. Migration gehört schlicht zu den am schwierigsten vorhersehbaren demografischen Grössen. Eine Finanzkrise, ein Krieg, eine Pandemie, die Personenfreizügigkeit, Veränderungen auf dem Arbeitsmarkt oder eine aussergewöhnlich starke Nachfrage nach Arbeitskräften können Wanderungsbewegungen innerhalb kurzer Zeit massiv verändern.

Eine Excel-Tabelle hat dabei einen kleinen Nachteil: Sie weiss noch nichts vom nächsten Krieg. Die GPK kam deshalb 2018 auch keineswegs zum Schluss, die Bevölkerungsszenarien seien untauglich. Im Gegenteil: Sie stellte keine grösseren Mängel fest und bezeichnete insbesondere die Schwierigkeiten bei der Einschätzung der Migration als wesentliche Ursache der Abweichungen.

Das ist für die Einordnung wichtig.

Die Kritik lautet nicht: Das BFS kann es nicht. Sie lautet: Wir erwarten von diesen Zahlen gelegentlich mehr, als sie leisten können.

Und was geschieht gerade tatsächlich? Ende 2025 lebten 9’127’100 Menschen ständig in der Schweiz. Innerhalb eines Jahres nahm die Bevölkerung um 76’100 Personen oder 0,8 Prozent zu. Das Wachstum verlangsamte sich damit gegenüber 2024 mit 1,0 Prozent und insbesondere gegenüber 2023 mit 1,7 Prozent bereits deutlich. (⁠Zoll und Grenzsicherheit)

Das ist ein wichtiger Punkt, denn man sollte aus einem einzelnen Jahr keinen neuen Langfristtrend konstruieren. Interessant ist eine einfache Modellrechnung trotzdem. Würde die Schweizer Bevölkerung ab Ende 2025 dauerhaft um 0,8 Prozent pro Jahr wachsen, würde die Marke von zehn Millionen ungefähr 2037 erreicht. Das wäre einige Jahre früher, als es die heutige Referenzentwicklung nahelegt. Nur: Genau diese konstante Wachstumsrate erwartet das BFS nicht.

Im Referenzszenario schwächt sich das Wachstum zunehmend ab. Die Bevölkerung wächst von 2025 bis 2035 noch um rund 643’000 Personen, zwischen 2035 und 2045 nur noch um rund 402’000 und in den folgenden zehn Jahren um weitere 310’000. (⁠BFS Dam API)

Der entscheidende Grund liegt in der Altersstruktur.

Ab ungefähr 2035 wird die natürliche Bevölkerungsbilanz gemäss Referenzszenario negativ: Es sterben mehr Menschen, als Kinder geboren werden. Von diesem Zeitpunkt an hängt weiteres Bevölkerungswachstum praktisch vollständig von der Migration ab. Und ausgerechnet die Migration war historisch der Teil der Rechnung, bei dem die Szenarien am stärksten danebenlagen. Das ist der eigentlich interessante Punkt.

10 Millionen sind keine magische Grenze

Ob die Schweiz die Zehn-Millionen-Marke 2037, 2040 oder 2042 erreicht, ist letztlich weniger entscheidend, als es die politische Debatte vermuten lässt. Bei 9’950’000 Einwohnern funktioniert ein Bahnhof nicht automatisch hervorragend und bei 10’050’000 bricht er nicht zusammen.

Entscheidend ist vielmehr, wie schnell die Bevölkerung wächst und ob Infrastruktur, Wohnungsbau, Energieversorgung, Verkehr, Gesundheitswesen, Schulen und Arbeitsmarkt mit diesem Wachstum Schritt halten. Eine zusätzliche Million Menschen über zwanzig Jahre verteilt stellt ein Land vor andere Aufgaben als dieselbe Million innerhalb von zehn Jahren. Gerade deshalb ist die Bandbreite der Szenarien wichtiger als die Schlagzeile.

Auf kantonaler Ebene wird es noch schwieriger

Noch vorsichtiger sollte man mit langfristigen Szenarien für einzelne Kantone umgehen. Das BFS leitet die kantonalen Entwicklungen aus den nationalen Szenarien ab und berücksichtigt zusätzlich die Wanderung zwischen den Kantonen. Je kleiner das betrachtete Gebiet, desto stärker können einzelne Entwicklungen das Ergebnis verändern.

Die PVK stellte fest, dass auch die kantonale Bevölkerungsentwicklung in früheren Szenarien für die meisten Kantone unterschätzt worden war. Verschiedene Kantone hielten die BFS-Szenarien zudem für ihre konkreten Planungsbedürfnisse für zu ungenau. Die GPK sah deshalb hier «erhebliches Optimierungspotenzial».

Das ist besonders relevant, weil genau solche Zahlen bei langfristigen Entscheidungen über Siedlungsentwicklung, Verkehr oder andere Infrastrukturen eine Rolle spielen. Eine Abweichung von einigen Prozentpunkten klingt in einer Statistik harmlos. Bei Schulhäusern, Bahnlinien, Wohnungen oder Spitälern können daraus ziemlich reale Gebäude werden, die fehlen.

Szenarien sind Landkarten, keine Fahrpläne

Was bleibt also von den berühmten «zehn Millionen»? Zunächst einmal eine plausible Grössenordnung. Das aktuelle Referenzszenario des BFS spricht dafür, dass die Schweiz in den kommenden anderthalb Jahrzehnten die Zehn-Millionen-Marke erreichen könnte. Gleichzeitig zeigt die Spannweite der Szenarien, wie gross die Unsicherheit über die weitere Entwicklung ist.

Und die Vergangenheit liefert einen zusätzlichen Hinweis: Frühere Szenarien haben das tatsächliche Wachstum seit der Jahrtausendwende mehrheitlich unterschätzt, insbesondere weil die Migration stärker ausfiel als angenommen. (⁠Parlament)

Das sollte weder dramatisiert noch ignoriert werden. Wer seriös plant, sollte deshalb nicht fragen: «Wann hat die Schweiz zehn Millionen Einwohner?» Die sinnvollere Frage lautet: «Was tun wir, wenn es schneller geht als erwartet – und was, wenn es langsamer geht?» Genau dafür wurden Szenarien schliesslich erfunden.

Man könnte sie sich wie eine Wettervorhersage für die nächsten dreissig Jahre vorstellen: ausgesprochen nützlich, um über mögliche Entwicklungen nachzudenken. Nur sollte man aufgrund der Prognose für 2055 vielleicht noch nicht entscheiden, ob man an diesem Tag einen Regenschirm mitnimmt.

Bevölkerungsszenarien des BFS

Wie verlässlich ist die Prognose «10 Millionen bis 2040»?

Das BFS berechnet alle fünf Jahre drei Grundszenarien – ein «hohes», ein «tiefes» und ein Referenzszenario. Zuletzt für 2025–2055:

9,3 Mio.
tiefes Szenario · 2055
10,5 Mio.
Referenz · 2055
11,7 Mio.
hohes Szenario · 2055

Das BFS selbst schreibt, es sei «heute wenig plausibel», dass die künftige Entwicklung diese Bandbreite verlässt – und die letzte Szenarienreihe (2020–2050) habe die Entwicklung 2020–2023 «recht gut» vorausgeschätzt.

tief Referenz hoch
!
Kritische Einordnung

Diese Bilanz beschreibt eigentlich zwei gegenläufige Fehler, die sich zufällig aufgehoben haben – kein Beleg für Präzision: Covid-19 drückte die Entwicklung zunächst unter das Referenzszenario, danach schossen Ukraine-Fluchtmigration und Arbeitsmigration sie wieder darüber hinaus. Zudem blendet das BFS in dieser Einschätzung die ältere, weniger schmeichelhafte Historie aus: Die Parlamentarische Verwaltungskontrolle (PVK) dokumentierte 2018, dass das BFS die Bevölkerungsentwicklung seit 2000 systematisch unterschätzt hat – bei der Zuwanderung im Durchschnitt um rund 40 %, wobei die reale Entwicklung mehrfach sogar das damalige «hohe» Szenario übertraf. Das Szenario von 1984 lag mit seiner Prognose für 2021 rund 28 % zu tief. Wer nur die letzten drei Jahre als Massstab nimmt, wählt den günstigsten Ausschnitt der eigenen Geschichte.

Zahlen und BFS-Zitate: Szenarien zur Bevölkerungsentwicklung der Schweiz 2025–2055 (barrierefreie Version). Kritische Einordnung: eigene Recherche auf Basis des PVK-Berichts «Zweckmässigkeit der Bevölkerungsszenarien» (2018) sowie historischer BFS-Szenarien seit 1984.

quellenangaben

Aktuelle Bevölkerungsszenarien
Tatsächliche Bevölkerungsentwicklung
Historische Treffsicherheit
Anwendung und Aussagekraft
Kantonale Szenarien
Geburten, Alterung und Migration
Ergänzende Einordnung
Für diesen Beitrag wurden soweit möglich amtliche Primärquellen des Bundesamts für Statistik sowie Dokumente der Parlamentarischen Verwaltungskontrolle und der Geschäftsprüfungskommission des Ständerates verwendet. Bevölkerungsszenarien sind keine Punktprognosen, sondern Modellrechnungen auf Grundlage bestimmter Annahmen. Besonders langfristige Aussagen zu Migration, Geburtenhäufigkeit und Bevölkerungswachstum sind deshalb mit erheblicher Unsicherheit verbunden. Die tatsächliche Entwicklung kann sowohl vom Referenzszenario als auch vom hohen oder tiefen Szenario abweichen.