Die Schildbürger waren ursprünglich gar nicht dumm. Im Gegenteil. Einer alten Überlieferung zufolge waren die Männer von Schilda so klug und als Ratgeber derart begehrt, dass Fürsten und Herren sie ständig in die weite Welt hinaus riefen. Zu Hause blieben ihre Frauen, ihre Familien und ihre Arbeit zurück. Irgendwann hatten die Daheimgebliebenen genug. Also beschlossen die Schildbürger, sich fortan dumm zu stellen. Dann, so hofften sie, würde endlich niemand mehr ihre Klugheit beanspruchen. Bekanntlich ging das gründlich schief.
Die Geschichte ist eine Groteske. Aber sie enthält einen erstaunlich modernen Gedanken: Auch Klugheit kann Nebenwirkungen haben. Und Erfolg kann Probleme hervorbringen, die ohne diesen Erfolg nie entstanden wären.
Die Schweiz verfolgt seit Jahrzehnten gewissermassen das umgekehrte Schildbürger-Modell. Sie will möglichst viele kluge Köpfe. Die Hochschulen expandieren, Unternehmen rekrutieren international und hochqualifizierte Zuwanderung ist zu Recht ein wichtiger Bestandteil des wirtschaftlichen Erfolgs. Ingenieure, Ärztinnen, Informatiker, Forscherinnen, Finanzspezialisten und Manager steigern die Produktivität und Innovationskraft. Sie gründen Unternehmen und bezahlen Steuern.
Die Rechnung scheint bestechend einfach: Je mehr kluge Köpfe die Schweiz hervorbringt oder anzieht, desto besser geht es ihr. Aber stimmt diese Rechnung auch?
Menschen strömen nicht als körperlose Einheiten des Bruttoinlandprodukts in die Schweiz. Sie wollen hier arbeiten und konsumieren. Sie gründen Familien, machen Karriere, wollen Vermögen bilden und ihren Kindern etwas hinterlassen. Sie konkurrieren um attraktive Stellen, Führungspositionen, Wohnungen, Häuser und gesellschaftlichen Einfluss. Gerade hochqualifizierte Menschen bringen verständlicherweise hohe Erwartungen an ihre eigene Zukunft mit.
Wir importieren also nicht bloss «Human Resources». Schon dieser Begriff zeigt, wie abstrakt wir über Menschen reden.
«Man hat Arbeitskräfte gerufen, und es kommen Menschen», schrieb Max Frisch. Er sprach von Würde. Man kann den Satz aber auch ökonomisch lesen: Mit Fähigkeiten, Wissen und Unternehmergeist kommen Ansprüche, Nachfrage und zusätzliche Konkurrenz um das, was sich nicht beliebig vermehren lässt.
An diesem Punkt wird Peter Turchin interessant.
Turchin ist ursprünglich Populationsökologe und einer der Begründer der «Cliodynamics», eines Forschungsansatzes, der mit historischen Daten nach langfristigen Mustern gesellschaftlicher Stabilität und Instabilität sucht. Eine seiner Thesen nennt er «Elite Overproduction», Elitenüberproduktion.
Die Idee ist einfacher, als der Begriff vermuten lässt. In jeder Gesellschaft gibt es Positionen, die Macht, Status oder Prestige verleihen, und sie sind knapp: politische Ämter, Führungsposten, Professuren, Partnerschaften in Kanzleien oder einflussreiche Funktionen in Medien und Verbänden.
Problematisch wird es laut Turchin, wenn über längere Zeit mehr Menschen für solche Positionen qualifiziert sind, als Plätze zur Verfügung stehen. Wer leer ausgeht, gehört nach Ausbildung und Anspruch zwar zur Elite, gemessen an Einfluss und Stellung aber nicht. Der Wettbewerb wird härter. Politisch brisant wird das, weil diese Menschen keine machtlosen Aussenseiter sein müssen. Sie sind häufig hervorragend ausgebildet, gut vernetzt und politisch interessiert. Aus enttäuschten Aspiranten können schliesslich «Gegen-Eliten» werden, die nicht mehr nur um Positionen innerhalb des Systems kämpfen, sondern das System selbst infrage stellen.
Besonders anschaulich wird Turchins Gedanke am Beispiel der amerikanischen Juristen. Über Jahrzehnte galt ein einfaches Versprechen: Studiere an einer guten Universität, absolviere eine Law School, arbeite hart, und die Türen zur Elite stehen dir offen.
Das Versprechen scheiterte an der unterschiedlichen Geschwindigkeit. Die Law Schools nahmen immer mehr Studenten auf, die grossen Kanzleien schufen aber nicht im selben Tempo neue Partnerschaften. Zusätzliche Studienplätze sind rasch geschaffen. Professuren, Chefarztstellen oder Sitze in Konzernleitungen vermehren sich viel langsamer. Politische Spitzenämter vermehren sich überhaupt nicht.
So entsteht ein Paradox: Je besser ausgebildet eine Bevölkerung ist, desto mehr Menschen kann sie hervorbringen, deren Qualifikation Erwartungen weckt, die sich nicht für alle erfüllen lassen.
Lässt sich dieses Modell auf die Schweiz übertragen? Nur bedingt. Und gerade das macht die Sache interessant.
Die Schweiz ist reich, politisch stabil und verfügt über einen leistungsfähigen Arbeitsmarkt. Ihre duale Berufsbildung ermöglicht sozialen Aufstieg ohne Universität. Viele Branchen sind gerade deshalb erfolgreich, weil sie hochqualifizierte Menschen aus dem Ausland rekrutieren können.
Doch die Dimensionen haben sich verändert.
Im Studienjahr 2023/24 waren 29 Prozent der Studierenden an den universitären Hochschulen sogenannte Bildungsausländer, Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit und einem ausländischen Hochschulzulassungsausweis. Das Bundesamt für Statistik hält fest, dass dieser Anteil im Zeitverlauf zunimmt. Gegenüber 2010/11 ist er um rund sieben Prozentpunkte gestiegen.
Hinzu kommt die Arbeitsmigration. Von den Arbeitskräften, die im Rahmen der Personenfreizügigkeit aus EU- und EFTA-Staaten in die Schweiz eingewandert sind, verfügten 2025 53 Prozent über einen Abschluss auf Tertiärstufe. Bei Schweizer Erwerbstätigen betrug der entsprechende Anteil 45 Prozent.
Das ist zunächst eine Erfolgsgeschichte. Aber Erfolg hebt Knappheit nicht auf. Manchmal verschärft er sie sogar.
Die Frage ist deshalb nicht, ob die Schweiz zu viele gut ausgebildete Menschen hat. Wissen, Begabung und Können sind keine Belastung. Die Frage ist, was geschieht, wenn die Zahl gut ausgebildeter, gut verdienender und aufstiegsorientierter Menschen schneller wächst als das, was gesellschaftlichen Aufstieg ausmacht: attraktive Positionen, Wohneigentum, Vermögen, Einfluss und Status.
Eine Volkswirtschaft kann wachsen. Ein Land kann es nicht im gleichen Sinn.
Ende 2025 lebten 9,127 Millionen Menschen in der Schweiz, rund 76’000 mehr als ein Jahr zuvor. Mehr Menschen bedeuten mehr wirtschaftliche Aktivität. Sie arbeiten, konsumieren, gründen Unternehmen, bezahlen Steuern und schaffen ihrerseits Arbeitsplätze. Wachstum vermehrt vieles, aber nicht alles.
Die Fläche der Schweiz bleibt gleich. Eine begehrte Wohnlage bleibt begehrt. Wohnungen lassen sich bauen, aber nicht überall und nicht beliebig schnell. Und ein Anwesen am Zürichsee lässt sich selbst mit der brillantesten Produktivitätssteigerung nicht verdoppeln.
Am 1. Juni 2026 standen schweizweit 45’493 Wohnungen leer. Die Leerwohnungsziffer sank auf 0,93 Prozent, zum sechsten Mal in Folge.
Damit zeichnet sich eine mögliche schweizerische Variante von Turchins Problem ab.
Der hochqualifizierte Schweizer findet womöglich durchaus eine gute Stelle. Vielleicht sogar eine sehr gute. Er verdient mehr als seine Eltern, arbeitet international, führt ein komfortables Leben und stellt mit 35 oder 40 trotzdem fest, dass ihm ausgerechnet jenes Gut entgleitet, das für die Generation vor ihm ein sichtbares Zeichen des gesellschaftlichen Aufstiegs war: Eigentum.
Die Schweizer Wohneigentumsquote bewegt sich seit Jahren auf international niedrigem Niveau. Zugleich hat sich der Marktwert der Immobilien im Besitz privater Haushalte in den vergangenen 25 Jahren mehr als verdreifacht. Die Schweizerische Nationalbank beziffert den Anstieg bis Ende 2025 auf 203,4 Prozent, hauptsächlich getrieben durch höhere Immobilienpreise.
Für jene, die bereits besitzen, war das eine gewaltige Vermögensmaschine. Für jene, die erst jetzt einsteigen wollen, ist dieselbe Entwicklung eine immer höhere Eintrittsschwelle. Damit verschiebt sich etwas Grundsätzliches. Ein hohes Einkommen allein entscheidet immer weniger darüber, wer sich gesellschaftlich «oben» fühlen kann. Zunehmend zählt auch, wer bereits Vermögen besitzt oder welches Vermögen er eines Tages erben wird.
Darin unterscheidet sich die mögliche Schweizer Variante von Turchins klassischem Modell. Der Aufstieg kann beruflich gelingen, während manches, was diesen Aufstieg traditionell sichtbar machte, ausser Reichweite gerät. Man steigt auf und hat trotzdem das Gefühl, nicht angekommen zu sein.
Das ist der mögliche blinde Fleck des Schweizer Erfolgsmodells.
Hochqualifizierte Zuwanderung wird meist anhand ihrer wirtschaftlichen Vorteile diskutiert. Diese Vorteile sind real. Ein Spital kann nicht auf eine benötigte Ärztin verzichten, ein Technologieunternehmen nicht auf einen Spezialisten und eine Universität nicht auf einen hervorragenden Forscher, nur weil diese Menschen einen ausländischen Pass besitzen. Ökonomischer Nutzen und gesellschaftliche Nebenwirkungen können aber gleichzeitig existieren.
Ein zusätzlicher hochqualifizierter Arbeitnehmer kann die Wirtschaftsleistung erhöhen und zugleich die Nachfrage nach einer Wohnung in Zürich, Genf oder Zug. Ein international rekrutiertes Doppelverdienerpaar kann zwei dringend benötigte Fachkräfte stellen und gleichzeitig mit einem bereits ansässigen Paar um dasselbe Eigenheim konkurrieren. Darin liegt kein Widerspruch. Und es ist weder eine moralische Frage noch ein Vorwurf an Zugewanderte. Wer einer angebotenen Stelle folgt, eine Wohnung mietet oder ein Haus kauft, tut genau das, was Menschen überall tun. Aber es bleibt eine Frage der Kapazität.
Turchin hat kein gesellschaftliches Naturgesetz entdeckt. Seine Theorie ist wissenschaftlich umstritten und liefert für die Schweiz keine fertige Erklärung. Zudem verfügt die Schweiz mit Berufsbildung, Föderalismus, Milizsystem, direkter Demokratie und hohem Wohlstand über starke gesellschaftliche Ventile.
Vielleicht liegt die entscheidende Frage deshalb auch anderswo. Die Schweiz produziert möglicherweise nicht zu viele Eliten, sondern immer mehr Erwartungen an gesellschaftlichen Aufstieg. Gleichzeitig werden einige der Güter, an denen sich dieser Aufstieg traditionell ablesen lässt, schwerer erreichbar.
Damit berührt die ökonomische Frage eine ältere philosophische: Was verstehen wir eigentlich unter Aufstieg?
Genügt es, mehr zu verdienen als die Generation zuvor? Oder gehört zum Aufstieg auch die Möglichkeit, aus eigener Leistung etwas Dauerhaftes zu schaffen, Eigentum zu erwerben und der nächsten Generation mehr zu hinterlassen, als man selbst erhalten hat?
Genau darin könnte die schweizerische Variante des Problems liegen. Nicht eine erfolgreiche Generation verarmt, sondern die Bedeutung von Erfolg verschiebt sich.
Man hat alles richtig gemacht und kommt trotzdem nicht dort an, wo «alles richtig gemacht» früher hinführte.
Die Schildbürger fanden für die übermässige Nachfrage nach ihrer Klugheit bekanntlich eine denkbar schlechte Lösung. Sie stellten sich dumm. Die Schweiz braucht nicht weniger kluge Köpfe. Aber sie muss darüber nachdenken, welches Versprechen sie ihnen macht.
Denn eine erfolgreiche Gesellschaft lebt nicht nur davon, dass Menschen nach oben wollen. Sie lebt auch von der Zuversicht, dass es oben einen Platz für sie gibt.
Eigentum läuft den Löhnen davon
Seit 2000 sind die Schweizer Nominallöhne um rund 32 Prozent gestiegen. Die Preise für Wohnimmobilien legten im selben Zeitraum um rund 138 Prozent zu. Beide Reihen sind auf 2000 = 100 normiert. Die Schere zwischen Löhnen und Immobilienpreisen hat sich deutlich geöffnet. Tiefere Hypothekarzinsen konnten einen Teil des Preisanstiegs abfedern.
Quellen: Bank for International Settlements, Residential Property Prices Switzerland und Bundesamt für Statistik, Schweizerischer Lohnindex. Jahreswerte der Immobilienpreise aus Quartalswerten; beide Reihen auf 2000 = 100 umgerechnet. Darstellung und Berechnung: ecologie suisse.
Mehr Menschen, weniger freie Wohnungen
Die Bevölkerung wächst. Gleichzeitig ist die Leerwohnungsziffer seit ihrem Höchststand 2020 deutlich gefallen. Die beiden Reihen zeigen eine zeitliche Parallelentwicklung, keine Kausalität.
Quellen: Bundesamt für Statistik, STATPOP und Bundesamt für Statistik, Leerwohnungszählung . Darstellung: ecologie suisse.
Immobilien werden zum Vermögensmotor
Veränderung ausgewählter Vermögensgrössen der privaten Haushalte über 25 Jahre. Ausgangswert = 100.
Quelle: Schweizerische Nationalbank, Finanzierungsrechnung der Schweiz: Vermögen der privaten Haushalte 2025 . Darstellung: ecologie suisse.
quellenangaben
- Peter Turchin – End Times: Elites, Counter-Elites, and the Path of Political Disintegration Penguin Press, 2023. Turchins Darstellung von Elitenüberproduktion, Elite-Aspiranten, Gegen-Eliten und gesellschaftlicher Instabilität.
- Peter Turchin – Structural-Demographic Theory Überblick über die strukturell-demografische Theorie und ihre zentralen Mechanismen.
- Peter Turchin – Modeling Social Pressures Toward Political Instability Cliodynamics, 2013. Wissenschaftliche Darstellung des Zusammenhangs zwischen gesellschaftlichem Druck, Elitenkonkurrenz und politischer Instabilität.
- Bundesamt für Statistik – Herkunft und Mobilität der Studierenden an universitären Hochschulen Im Studienjahr 2023/24 waren 29 Prozent der Studierenden an universitären Hochschulen Bildungsausländer. Gegenüber 2010/11 stieg ihr Anteil um rund sieben Prozentpunkte.
- SECO – 22. Observatoriumsbericht zum Freizügigkeitsabkommen Schweiz–EU 2026. Daten zur Personenfreizügigkeit, zum Schweizer Arbeitsmarkt und zum Bildungsniveau der zugewanderten Arbeitskräfte.
- Bank for International Settlements – Wohnimmobilienpreise Schweiz BIS Residential Property Prices. Nominaler Preisindex für Wohnimmobilien in der Schweiz. Datengrundlage für die Entwicklung der Immobilienpreise von 2000 bis 2025 in der Grafik «Eigentum läuft den Löhnen davon».
- Bundesamt für Statistik – Schweizerischer Lohnindex Entwicklung der Nominallöhne in der Schweiz. Datengrundlage für den Vergleich der Lohnentwicklung von 2000 bis 2025 mit der Entwicklung der Wohnimmobilienpreise.
- Bundesamt für Statistik – Bevölkerung der Schweiz Ende 2025 lebten 9,127 Millionen Menschen in der Schweiz, rund 76’000 mehr als ein Jahr zuvor. Datengrundlage für die Bevölkerungsentwicklung in der Grafik «Mehr Menschen, weniger freie Wohnungen».
- Bundesamt für Statistik – Leerwohnungszählung 2026 Am 1. Juni 2026 standen schweizweit 45’493 Wohnungen leer. Die Leerwohnungsziffer betrug 0,93 Prozent. Datengrundlage für die Entwicklung der Leerwohnungsziffer in der Grafik «Mehr Menschen, weniger freie Wohnungen».
- Schweizerische Nationalbank – Vermögen der privaten Haushalte 2025 Finanzierungsrechnung der Schweiz 2025. Über 25 Jahre stieg das Immobilienvermögen privater Haushalte um 203,4 Prozent, die Verpflichtungen um 123,2 Prozent und die finanziellen Forderungen um 112,9 Prozent. Ende 2025 belief sich der Marktwert der Immobilien privater Haushalte auf CHF 2’924 Milliarden.



